Dienstag, 29.04.08  

Blicken wir zurück: Am 10. Mai 1994 befuhren die ARG-Boote Rautgundis, Kugelfischer und Mygg zum ersten Mal nach der Wiedervereinigung die Teupitzer Gewässer: Von Prieros bis Teupitz und zurück. 17 Bundesbrüder waren auf dieser Wanderruderfahrt dabei.

Genau 5 Jahre später – am 10. Mai 1999 – sind wir wieder nach Teupitz aufgebrochen. Diesmal von Kolberg nach Teupitz und zurück nach Prieros, und mit dabei waren 15 Bundesbrüder in den Booten Skidbladnir, Fasolt (ehemals Kugelfischer) und Mygg.

Und nun sollte es heute – fast neun Jahre später – am 29.04.08 zum dritten Mal auf die Teupitzer Gewässer gehen. Nur noch zu Acht und nur mit zwei Booten – zwei Zweier mit Steuermann. In der Mygg fuhren Gerd, Hans und Manfred und in der Sigyn Helmut, Axel und Frieder.

Aber mal von vorn: Um 8 Uhr gab es wie immer auf dieser ausschlaffreundlichen Wanderfahrt Frühstück. Da sich Inhalt und Umfang während unseres Aufenthaltes in Köthen nicht änderten, wird in den anderen Tagesberichten schon genug Lobenswertes darüber berichtet werden, so dass ich darauf verzichten möchte. Die dreieckigen kleinen Schmelzkäse (Sorte Salami) jedenfalls hatte ich schon lange nicht mehr genossen und wusste gar nicht, dass es die noch gibt. Jedenfalls sind sie wegen der durch die Schmelzsalze aufgeschlossenen Eiweißstoffe leichter verdaulich als unbehandelter „normaler“ Käse und damit sehr gut für uns Sportler.  

Um 9 Uhr sind wir nach Klein-Köris aufgebrochen. Das Ende der gestrigen Ruder-Etappe kam uns in Erinnerung, als wir an unserem Landdienst Berndt und Klaus fröhlich vorbei gerudert sind. Und das, obwohl die Beiden auf einer Bank direkt am Ufer saßen und ständig auf das Wasser geguckt haben. Das ist dann das Resultat, wenn man Fasolt und/oder Skidbladnir die Teilnahme an der Wanderfahrt verweigert. Stattdessen werden die Wanderruderboote immer kleiner und schrumpfen bis zur Unkenntlichkeit zusammen.

Um 10 Uhr 15 nahmen wir von Klein-Köris aus die Teupitzer Gewässer in Angriff. Unter dieser wasser- und schifffahrtsamtlichen Zuordnung wird eine durch Kanäle verbundene Seenkette von der Dahme bis zum Teupitzer See zusammengefasst. Nach dem Klein Köriser See folgen Kleiner und Großer Moddersee, Schulzensee, Köriser Graben, Zemminsee, Mochgraben, Schweriner See und schließlich Teupitzer See (mit Mielitzsee). Hier – am ersten Zwischenziel des heutigen Vormittags – legten wir an der Dampfer-Anlegestelle an und erledigten die notwendigen Verrichtungen.

Eine abwechslungsreiche Landschaft und wunderschön zu rudern. Kein Wunder, dass es uns immer wieder hierher zieht. Die Stadt Teupitz mit den Ortsteilen Egsdorf, Neuendorf und Tornow liegt direkt am See. Über die Autobahn A 13 in Richtung Dresden und die Abfahrt Teupitz, Halbe, Märkisch Buchholz sind es von der Berliner Mitte rund 50 Kilometer. Die Gemeinde gehört zum Landkreis Dahme-Spreewald. Es halten sich hartnäckige Gerüchte, das diesbezügliche Kfz.-Kennzeichen LDS bedeute eigentlich „Land der Säufer“, was ja auch sehr nett ist.

 

In Teupitz hat sich das Amt Schenkenländchen niedergelassen, zu dem auch die Orte Märkisch Buchholz, Groß Köris, Halbe, Münchehofe und Schwerin gehören. Der Name "Schenkenländchen" geht zurück auf die Edlen Schenken von Landsberg, die Anfang des 14. Jahrhunderts in dieser Gegend Einzug hielten und Burg und Ort "Tuptz" (Teupitz) zur ihrer Residenz machten. Ein Jahrhundert später war Schenk von Landsberg Herr über rund dreißig Ortschaften des heutigen Kreisgebietes. Das ehemalige Ackerbürgerstädtchen zeugt mit Resten der Wasserburg auf der Halbinsel im Teupitzer See und dem rechteckigen Backsteinbau der Heilig-Geist-Kirche von alter Zeit. Obwohl das Ursprungsgebäude häufig überbaut und umgebaut wurde, sind noch immer Teile einer Feldsteinkapelle aus dem 14. Jahrhundert erhalten. – Die Wasserburg wurde dann ein Schloss und später ein Hotel. Ich habe dortselbst einmal – während eines Seminars – in demselben Bett übernachtet wie Fidel Castro. Mit leider nur sehr mäßigem Erfolg konnte ich meine Mannschaft in der Mygg für dieses herausragende Ereignis begeistern. Aber wirklich, das Schloss gehörte der SED und diente Staatsbesuchern als Nobelherberge, so auch Fidel, dessen Gastgeschenk in Form einer potthässlichen Vase zur Zeit meines Aufenthaltes ein Fensterbrett zierte. Heute ist das Schloss kein Hotel mehr. Aber was stattdessen, ist nicht rauszukriegen. Wikipedia ist leider mal nicht auf dem neuesten Stand!

 

Dicht an der Autobahn Dresden liegt Groß Köris. Mit 2000 Einwohnern gehört der Ort zu den großen Gemeinden des Schenkenländchens. Sehenswert sind das Freilichtmuseum Germanische Siedlung und die Kirche von Groß Köris. Die Attraktion aber ist zweifellos die Klappbrücke über den Köriser Graben, die wir durchfuhren und auch in Funktion erleben konnten. Die bewegliche "Klappe" ist um eine horizontale Achse drehbar gelagert und mit unter dem festen Brückenteil liegenden Hinterruten ausbalanciert. Soviel konnte ich vom Boot aus auf die Schnelle feststellen. – Sie erinnerte uns übrigens an die Wanderfahrt in Holland, wo wir eine Vielzahl dieser Brücken durchfahren und bei geringsten Durchfahrhöhen durchlitten haben. – Im "Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgrafenthums Niederlausitz", das ich vor der Niederschrift meines Tagesberichtes pflichtgemäß eingesehen habe, wurde 1855 vermerkt: "Die Brücke in Groß Köris ist eine hölzerne Portalbrücke über den Groß Köris'schen Graben, welche 54 ' lang und 17 ' im Belag breit ist, die Zugklappe ist 20 ' lang, 12 ' breit, und die Durchfahrtsöffnung unter der Klappe hat die lichte Weite von 20 Fuß." Dies nur für die geschichtlich Interessierten unter den Lesern.

 

Die Cineasten dagegen sollten wissen, dass im Juli 2007 am ehemaligen Flugplatz der NVA bei Klein Köris/Löpten Szenen für "Valkyrie" gedreht wurden – mit Tom Cruise bekanntlich als Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Aus Gerüsten, Holz und Pappe entstand die "Wolfsschanze". Für die Filmproduktion war die Gelegenheit günstig, da dort im April zufällig ein größeres Waldstück abgebrannt war. Diese Szenerie soll nun zusammen mit der alten Graspiste und zwei Flugzeugen vom Typ JU-52 "authentische" Bilder vom 20. Juli 1944 liefern. Ich für mein Teil werde den Film eher meiden.

 

Pünktlich um 13 Uhr trafen wir zum Mittagessen wieder in Klein-Köris ein. Diesmal war Klaus alleiniger Landdienst, und damit wir nicht wieder an ihm vorbei rudern, wäre er uns notfalls entgegen geschwommen. Oder etwa nicht? Jedenfalls eine nette Idee das. – Aber zum Tatsächlichen: Der Platz war hervorragend für unser Mittagessen geeignet, und Klaus hatte alles schön vorbereitet. Berndt musste sich wegen seines gestrigen Sturzes auf schlüpfrigem Ufer vorsorglich verarzten lassen und stieß etwas später wieder auf uns kleine Schar von Wanderruderern.

 

Wir haben dann schön zu Mittag gegessen und sind um 14 Uhr 15 nach Prieros weitergerudert. Ich kann nicht erklären, was mit Frieder auf einem Mal passierte: Vielleicht lag es an der intensiven Sonneneinstrahlung, vielleicht am Essen. Jedenfalls hatte er, als wir beide am Steuer unserer Boote saßen, die Eingebung, ich hätte zwei Hühner an Bord. Er zeigte auf uns, wedelte mit den Ellenbögen, fing an zu gackern und kriegte sich vor Lachen nicht mehr ein. So ging das eine ganze Weile. Schließlich hat er sich wieder beruhigt und wir mussten nichts weiter unternehmen, um ihn von seinen Halluzinationen zu befreien.

In Prieros haben wir kurz vor 16 Uhr angelegt, die Boote auf die große Wiese gehievt und in einer herrlich am Ufer gelegenen Pension unter den strengen Blicken eines kastrierten Katers Kaffee getrunken und dabei wahrhaft königlichen, von der freundlichen Frau Wirtshaus selbst gebackenen Pflaumenkuchen gegessen. Der Kater war übrigens so was von dick, dass all seine Bewegungen zu belustigenden Kunststückchen gerieten. Wir hatten jedenfalls unseren Spaß.

 Zum Abendbrot gab es Kartoffelsuppe.