Sonntag, 27.04.08  

Beim Verladen der Boote am vorhergehenden Mittwoch wurde festgestellt, dass bei unserer diesjährigen Wanderfahrt eine bedrohliche Personalknappheit auf den Rudersitzen herrschen würde. Auch ich würde aus beruflichen Gründen an der Fahrt nicht teilnehmen können. So ist das dann halt, wenn Christi Himmelfahrt und der 1. Mai auf den 1.Mai fallen. Besonders am Sonntag drohte die Personaldecke so dünn zu werden, dass die ganze Etappe gefährdet schien. Als die Bb mich fragten, ob ich nicht einspringen könnte, überlegte ich nicht lange um zuzusagen, nachdem man mir versichert hatte, dass die S-Bahn-Station in Königswusterhausen höchstens 60 km von der Unterkunft in Köthen am selbignamigen See entfernt sei, dass sie also somit in Fahrradreichweite liege.

Nach ausführlichem Generalkartenstudium stellte ich beruhigt fest, dass Köthen tatsächlich nur so um die 50 km vom südöstlichen Berliner Stadtrand entfernt liegt. Ob ich nun erst mal mit der S-Bahn nach Grünau oder KW fahre oder gleich mit dem Fahrrad fahre, kommt so ziemlich auf dasselbe hinaus, also beschloss ich am Samstag so gegen 15 Uhr, nachdem ich gut ausgeschlafen und gefrühstückt hatte, aufs Fahrrad zu steigen. Es war eine schöne Fahrt bei Sonne und Rückenwind. Gegen 19 Uhr wurde es Zeit in Köthen anzukommen, denn es wurde langsam kühl. Die Bb überraschte ich vereinzelt beim Duschen, nachdem sie die 1. Etappe der Wanderfahrt absolviert hatten. Ich setzte meine Prioritäten etwas anders, indem ich vor dem Duschen erst mal ein Spreewaldbier in unserer Restauration trank, wobei ich Klaus Bölke kennen lernte.

Zum Abendessen gab es dann zu dem Spreewaldbier aus der Privatbrauerei zu Schlepzig wie gewohnt erst mal eine Soljanka und dann ein Spreewälder Knoblauchschnitzel. Von dem Essen bin ich zwar nicht satt geworden, so dass ich die folgenden Spreewälder Kräuterschnäpse sozusagen nur zum Vergnügen, also nicht unbedingt zu medizinisch-therapeutischen Zwecken einnehmen konnte, aber der Mensch lebt ja bekanntlich nicht nur vom Brot allein. Bei den akademischen Tischgesprächen konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen den Wissenshunger von Berndt und anderen Bb nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu stillen. Er fragte mich, ob ich auf Gerts, Manfreds oder Hans’ Zimmer Unterschlupf gefunden hätte. Ich war sehr beeindruckt von diesem perfekten Gebrauch des sächsischen Genitivs, wie ich ihn von meiner Muttersprache überhaupt nicht kenne, wie er aber in Berlin sorgsam gepflegt wird. Deshalb musste ich Berndt auch umgehend erklären, dass Berliner stammesgeschichtlich und sprachwissenschaftlich betrachtet eigentlich die wirklichen Sachsen im Gegensatz zu den vermeintlichen Sachsen ein bisschen weiter südlich sind, die in Wirklichkeit Thüringer und Franken sind. Die vermeintlichen Sachsen sind aus demselben Grunde Sachsen geworden, aus dem auch die Polen unter einem gewissen starken August beinahe ebensolche geworden wären, aus rein dynastischen Gründen.

Beim Frühstück am nächsten Morgen erklärten mir Berndt aber auch Hans, dass ich sie gestern Abend mit meinen Ausführungen tief getroffen hätte, worauf ich sie trösten konnte, dass wer Hunger nach wahrer Erkenntnis habe, dann eben essen müsse, was auf den Tisch kommt, zumal das Frühstück auch ein wenig knapp bemessen war. Somit wären wir endlich am eigentlichen Gegenstand meines Berichts angekommen, nämlich am Sonntag, dem 2. Tag unserer diesjährigen Wanderfahrt. Um 9 Uhr ist pünktlich bei Sonnenschein und guter Laune Abmarsch nach Krimnitz. Während Berndt steuert, komme ich mit Hans im Nachgang zu unseren akademischen Gesprächen von gestern Abend noch einmal auf so manche deutsch-polnische Beziehung zu sprechen, wobei hier Hans sich nun bemüht sieht eines meiner Wissensdefizite aufzudecken, indem er behauptet, dass das Emsland nach dem zweiten Weltkrieg kurzfristig polnische Besatzungszone gewesen wäre. Ich bestreite dies, wenn auch der Emsländische Genpool durchaus davon hätte profitieren können, und wir wetten also nicht um eine Flasche Champagner, weil mir so was nicht schmeckt, sondern um 1 Bier. Er meint bestimmt das Ermland, versuche ich ihm seine abenteuerliche Theorie auszureden, wo ja auch schon mal gerudert wurde, wie ich aus den begeisterten Erzählungen meiner Bundesbrüder erfahren habe. Er will sich aber diesbezüglich in keinster Weise belehren lassen. Dank Internet konnte ich im Nachhinein feststellen, dass Hans tatsächlich ansatzweise Recht hat und der Emsländische Genpool tatsächlich wenn auch nur marginal profitieren konnte, was aber bei etwas mehr als nur 1 Bier noch ausführlicher akademisch zu diskutieren sein wird.

Am Etappenziel des gestrigen Tages wundere ich mich zunächst einmal, weil die Boote einfach so am Wegesrand liegen. Bei unserer letztjährigen permanenten Wanderfahrt haben wir immer für eine feste Unterkunft unserer Mygg gesorgt und manchmal sogar ein halbes Vermögen dafür bezahlt. Aber es geht auch so; alles liegt da, so wie es sein soll. Mit Wegesrand meine ich übrigens den Rand des Spreeradweges, und genau am Liegeplatz unserer Boote steht ein Hinweisschild für Radfahrer: Quelle 250 km, Mündung 150 km. Dafür, dass die Spree, genauer: Sprjewja – schließlich sind wir ja in der niedersorbischen Lausitz (d.h. Wiesenland, wenn ich nicht irre) - schon 250 km unterwegs ist, kommt sie mir ein bisschen mickrig vor, aber zum Rudern ist mehr als genug Wasser vorhanden. Wir verteilen uns auf die Boote: Ich mit Hans und Gert in die Mygg, Frieder, Manfred und Berndt in die Sigyn.

Ein paar Meter nach dem Ablegen kommt gleich die erste Schleuse und damit Stress. Kaum eingestiegen muss Hans wieder aussteigen und die Schleusentore öffnen. Bei der Ausfahrt öffnen uns die Tore freundliche Spaziergänger. Wir werden noch einige dieser Schleusen passieren, bei denen uns dann immer wieder freundliche Menschen helfen werden. Das Gefälle beträgt an keiner Schleuse mehr als 1 Meter, so dass wir überall zügig durchgeschleust werden. Langsam wird es richtig warm, es ist windstill. Bis Lübben fließt die Spree durch offenes Gelände, und wir werden nur selten von motorisierten Spreekähnen überholt, wobei das Kommando dann lautet: Ruder halt! Je näher wir Lübben kommen, desto öfter begegnen wir Spreekähnen mit freundlich winkenden Ausflüglern. In Lübben fahren wir an der Wassersport-Jugendherberge vorbei, wo ich mich ein paar Tage später, am 1. Mai, wiederfinden werde, um hier nach der 1. Tagesetappe meiner diesjährigen Radtour mein Zelt an der Spree aufzuschlagen.

Trotz intensivster WWW-Recherche konnte ich nicht herauskriegen, was der slawische Name Lübben / Lubin (siehe auch: Lübbenau, Lübeck usw.) bedeutet, was mich doch sehr betrübt. Ganz umsonst war die stundenlange Recherche aber auch nicht, denn jetzt weiß ich immerhin, dass in der aufstrebenden Kreisstadt Lübben (LDS) der Kirchenliederdichter Paul Gerhardt in der nach ihm benannten Kirche beerdigt liegt.

Hinter Lübben wird es schattiger, denn jetzt wird es im Spreewald tatsächlich waldiger. Wir fahren jetzt durch den Unterspreewald, der gemäß Wikipedia überwiegend aus Wald besteht. Ursprünglich heißt der Spreewald ja bei den Sorben Blota, was auch nicht verkehrt ist, denn das bedeutet so viel wie Sümpfe. Das haben wir ja oberhalb von Lübben gesehen, wo der Oberspreewald auf 30 mal 10 km aus Sumpflandschaft und kaum aus Wald besteht. Was man alles so im WWW lernt! Jedenfalls verläuft sich die Spree in zig Nebenarmen und bleibt wahrscheinlich deshalb als Hauptspree, auf der wir entlang schippern, ziemlich mickrig. Bei Gegenverkehr muss man schon ein bisschen aufpassen. Kurz vor unserer Mittagspause in Schlepzig kommen wir an eine Kreuzung, wo es rechts gemäß Hinweisschild noch 4 km bis Schlepzig sind und links genau so 4 km bis ebendahin. Ich bin mal wieder begeistert. In Deutschland kann man sich also weder in den tiefsten kurhessischen Wäldern auf Wanderwegen noch in den östlichsten Steppen auf Radwegen und schon gar nicht im Spreewald auf Wasserwegen verirren: Überall ist alles bestens ausgeschildert, wenn man auch manchmal den Weg vor lauter Schildern nicht sieht. Wohin also, nach rechts oder nach links? Wir studieren ausführlich unsere Wasserkarte und stellen fest, dass es am besten nach rechts auf der Hauptspree weiter geht. Sicherheitshalber warten wir auf die Sigyn, um ihr ähnliche Dilemmata zu ersparen.

Im Kahnhafen von Schlepzig wartet Klaus mit der Mittagsbrotzeit auf uns. Nach dem kargen Frühstück und den ersten 20 km im Boot habe nicht nur ich einen Hunger wie ein Gaul. Klaus hat ein schönes schattiges Plätzchen ausgesucht. Er durfte mit seinem Auto sogar auf das für Unbefugte normalerweise gesperrte Hafengelände einfahren. Einer der Imbissbudenwirte wird aber ein bisschen böse, weil wir uns selbst verpflegen, und droht uns mit irgendeinem nicht näher bezeichneten Amt, was wir aber beflissen ignorieren. Wir bewundern lieber die Fahrkünste der Spreeschiffer, die mit ihren Staken ihre Kähne mühelos in den Hafen rein- und rausbugsieren, und wenn es sein muss, ihre Kähne sich dabei mühelos um die eigene Achse drehen lassen. Hans behauptet, dass man dies in Berlin an der Spreeschiffermeisterschule lernt. Sei dem, wie ihm sei!

Gegen halb 2 frage ich mich, warum es nicht weiter geht. Denn bei aller Liebe zum Rudern muss ich ja mit dem Fahrrad heute noch irgendwie nach Hause kommen. Wir einigen uns darauf um 14 Uhr 15 wieder abzulegen. Ein Spreeschiffer erklärt uns, wie wir über die Ziesamspree wieder in die Hauptspree gelangen. Er munitioniert seinen Kahn gerade mit Kaffee, Kuchen und Bier für eine Konfirmationsgesellschaft auf. Wir laufen als erstes Boot in eine Schleuse ca. 1 km nach dem Einbiegen in die Ziesamspree ein. Die Sigyn hat Pech und muss erst mal warten, denn nach uns nimmt eine ganze Korona von Motorbooten die Schleuse in Beschlag. Wir lassen uns mal wieder zügig schleusen und lassen es dann frohgemut ein wenig krachen, denn ich hab’ ’s ja ein wenig eilig, bis es plötzlich bei Hans an der Backborddolle kracht. Eine Schraube hat sich gelöst und mir wird jetzt klar, warum man auf einer Wanderfahrt Werkzeug dabei hat. Ich rudere die Mygg ein Weilchen als Einer weiter, bis wir eine einigermaßen passende Anlegestelle in einem von der Spree abzweigenden Tümpel entdecken. Das Anlegen an einer Treppe gestaltet sich als nicht so einfach, weil das Ufer dicht mit Weiden bestanden ist, in deren Blütenmeer der arme Gerd am Steuer zu versinken droht. Hans schraubt seine Dolle wieder fest, wonach es uns gelingt mit Fleiß und Können wieder frei zu kommen. Ich habe es jetzt noch eiliger, und wir lassen es noch mal richtig krachen. Ich sehe bald den Fernsehturm auf der bewaldeten Anhöhe oberhalb von Köthen, so dass es also nicht mehr weit sein kann. Eigentlich ist solch ein hervorragendes Ruderwetter, dass man noch eine Ehrenrunde auf dem Köthener See rudern sollte, aber man muss sich auch mal ein Vergnügen versagen können. Außerdem merke ich langsam, dass ich mir die Unterarme und Unterbeine ganz schön verbrannt habe. Bei Leibsch werden wir nicht ganz so zügig aber dafür umso freundlicher von zwei Schönebergern durch die linke Schleuse zum Dahme-Umflutkanal geschleust. Und die 2 km bis zum Köthener See ziehen sich....

Gemäß Karte gibt es mitten im See eine Insel. Wir diskutieren lang und breit, ob wir oben oder unter an ihr vorbeifahren sollen. Wir entscheiden uns spontan für oben, was verdientermaßen die richtige Entscheidung war, denn unten wären wir wohl im Schilf stecken geblieben. Nach den heutigen 31 km wartet bereits Klaus bei der Anlegestelle der Köthener Wassersport-Jugendherberge, um uns zu lotsen.

In unserer Restauration habe ich die Gelegenheit die Neuankömmlinge Helmut und Axel zu begrüßen und sie um ihr Spreewaldbier zu beneiden, bevor ich meine Sachen hastig zusammenpacke und mein Fahrrad sattle. Dabei merke ich, dass ich meine Sonnenbrille noch irgendwo in der Mygg zu liegen habe. Ich eile also zurück zur Anlegestelle und habe so auch noch die Gelegenheit mich von der Mannschaft der Sigyn, die gerade im Begriff ist anzulegen, zu verabschieden. Mit gemischten Gefühlen sehe ich meiner Heimreise entgegen, aber zu meiner großen Freude bläst heute so wie gestern wieder ein angenehmer Rückenwind, obwohl ich doch genau in die entgegengesetzte Richtung fahre, so dass es ganz hervorragend läuft. Es läuft sogar so hervorragend, dass ich weder in KW und erst recht nicht in Grünau die S-Bahn nehme, sondern es direkt bis Spandau laufen lasse. Bei meinem ersten Weißbier kann ich den Bb über Hansens Mobiltelefon simsenderweise vermelden, dass ich es noch beim Dämmern nach Hause geschafft habe. Hans simst mir zurück, dass mir alle Bb einen angenehmen Abend gönnen. Ich gönne mir eine Bärlauchsuppe und eine Bauernpfanne, derweil ich so merke, dass ich trotz des angenehmen Rückenwindes doch ein bisschen kaputt bin. Kaputt aber zufrieden gönne ich mir dann noch das eine bzw. andere Veltins und werde öfter daran erinnert, dass ich mir für meine als nächste anstehende längere Fahrradwanderfahrt unbedingt Sonnenkreme besorgen muss.