Bericht zum 11.Mai 2010, dem Kulturtag

Unser ruderfreier Tag – gemeinhin auch Kulturtag genannt – begann mit einer Laudatio auf Bb Manni. Der beging heute seinen 70. Geburtstag, was man ihm nicht ansieht! Und was wurde ihm geschenkt? Natürlich Rotwein, denn dieser zählt bekanntlich für uns alte Knaben zu den besten aller Gaben.
Doch dann ging es nach Reckahn, zum dortigen Schloss derer von Rochow , einem der ältesten märkischen Adelsgeschlechter, dass allerdings nach dem Tode des Friedrich Eberhard von Rochow, von dem hier zu reden sein wird, im Jahre 1805 sein Ende fand. Besagter von Rochow hinterließ keine Nachkommen, dafür aber ein großes und weithin nachwirkendes Werk an Schriften und Taten zum Schulwesen im ländlichen Bereich und zu Fragen der Landwirtschaft. Diese Dinge müssen ihn schon frühzeitig beschäftigt haben, erinnerte er sich doch später an seine Jugend mit Hauslehrern wie folgt: „Man führte mich nach den Bräuchen dieser Zeit zum toten Buchstaben zuerst. Mein lebhafter Geist verseufzte die lernfähigsten Jahre hinter lateinischen Autoren in dumpfen Zimmern.“ Lassen wir einmal die üblichen Stationen seines adligen Daseins beiseite, so beginnt sein bedeutendes Leben mit einem Duell und der unehrenhaften Entlassung aus dem preußischen Militärdienst. Der Grund für das Duell scheint unbekannt zu sein, zumindest wird er weithin verschwiegen. Von da an widmete er sich der Entwicklung seiner Landgüter und der Landbevölkerung. Von Rochow war der Überzeugung, dass sein Wohl stark von dem seiner Bauern abhinge, also bemühte er sich, diese zu fördern und zu schulen. Schnell erkannte er auch, dass dies nicht ohne Ausbildung im Lesen und Schreiben zu machen sei. Nicht Wissensvermittlung war dabei sein Ziel, sondern die Förderung der Vernunft beim Landvolke, weg vom Aberglauben und anderen bösen Vorurteilen. 1772 eröffnete er die erste Dorfschule in Reckahn, die bald zur Modellschule und Pilgerstätte für Schulreformer aus ganz Deutschland werden sollte. Auch schrieb er ein Lesebuch für die Grundschule, den „Kinderfreund“, der für die nächsten hundert Jahre nicht nur zum meist gebrauchten, sondern auch zum Vorbild aller Grundschulbücher werden sollte.

Auf eine ausführliche und detaillierte Widergabe des Lebens und Wirkens des Herrn von Rochow sei, wie schon gesagt, verzichtet. Empfohlen sei aber ein Besuch des Schlosses in Reckahn und des dortigen „frischen“ Museums, zumal wenn man wie wir das Glück hat, eine erfreulich kompetente Führerin zu erwischen. Jeder von uns kennt das; beherrscht jemand sein Fach, so ist er in der Lage, interessant und überzeugend daraus zu berichten. Ganz anders übrigens die Führerin bei unserer späteren Besichtigung der Dorfkirche in Golzow, einem barocken achteckigen Bau aus den Jahren 1750-1752, im Inneren ausgestaltet als zweigeschossige Emporenkirche und versehen mit der Patronatsloge des Erbauers Friedrich Wilhelm von Rochow, Staats- und Kriegsminister in Preußen und Vater des Friedrich Eberhard von Rochow. Hier sollte uns der Pfarrer führen. Stattdessen erschien eine Hilfskraft und las einige Zeilen von einem Zettel ab. Meine Erinnerung an diese Kirche ist entsprechend schwach. Geblieben ist die Erinnerung an Kälte und wenig Glanz. In Golzow verließen uns übrigens Hänschen und Dörte, die extra am Morgen zu unserem Kulturprogramm angereist waren.

Zuvor aber mussten wir doch tatsächlich in die Schule gehen, nämlich in die Dorfschule von Reckahn, daselbst errichtet von besagtem Friedrich Eberhard von Rochow. Am Eingang empfing uns eine rundliche Dame, ArchetypIn einer Lehrerin alter Schule. Wir besichtigten zunächst das Schulgebäude, vernahmen erneut den Lobgesang auf Herrn von Rochow, seinen ersten Lehrer und Schulmeister Heinrich Julius Bruns und das arbeitsame Leben der damaligen Schulmeister. Vormittags unterrichteten diese die großen Kinder, da selbige nachmittags auf den Feldern helfen mussten, nachmittags die kleinen Kinder. Hinzu kamen bei Herrn Bruns die Betreuung von Lehranwärtern und Besuchern sowie die üblichen Vor- und Nacharbeiten für den Unterricht. Ich versage mir jegliche Bezugnahme auf heutige Verhältnisse, das wär` ja auch dumm! Denn erstens ist heute alles ganz anders und zweitens macht man sich nur Feinde damit. Der Herr Bruns aber muss wirklich ein tüchtiger Mann gewesen sein. Seine Schüler sollen ihn, so wird berichtet, geliebt haben und seine Schule wurde zum „Muster aller Landschulen“. Das belegen zahlreiche Besucher, darunter Lehrer, Geistliche, preußische Beamte und Wissenschaftler, über die Herr Bruns in seinem „Verzeichnis der Besucher der Reckahnschen Schule“ gewissenhaft Buch geführt hat. Dank sei dem Mann, erleichtert er doch – so ist zu hören - der Tochter unseres Bb Jörg die Anfertigung einer Dissertation über den Einfluss der Rochowschen Schulreformen in deutschen Landen. Nach seinem Tode im Jahr 1794 errichtete Herr von Rochow dem Lehrer Bruns ein Denkmal mit der preußisch knappen Inschrift „H.J.Bruns. Er war ein Lehrer.“ Das Denkmal hatten wir zuvor schon im Gutspark gesichtet, doch jetzt erst konnten wir es richtig würdigen. Der Lehrer Bruns soll übrigens der erste gut bezahlte Schulmeister gewesen sein. „Der Lehrer ist ein ehrenwerter Beruf und bedarf der anständigen Bezahlung“, soll Herr von Rochow gesagt haben. Diese Aussage gefiel natürlich besonders unserem Jörg, der häufig den heutigen Notstand seines Berufsstandes beklagt. Ein Schelm, wer Jörg unedle Motive bei seiner Auswahl des diesjährigen Kulturprogramms unterstellt. Nein, nein, nur staatstragende Dinge wurden uns vorgeführt, als da sind Schule und Kirche, Herrschaft und Untertanen. Dem Jörg gebühret also ein Lob.

Sodann wurden wir in eine Schulklasse geführt, zwängten uns daselbst in die engen Bänke der damaligen Schulkinder und wurden – oh Wunder – wieder zu Schulkindern, eifrig bemüht, der Frau Lehrerin zu gefallen, mit eifrigem Melden und beleidigt sein, wenn man nicht drankommt. Vor dem Betreten des Klassenzimmers mussten wir natürlich ein überliefertes Ritual über uns ergehen lassen, nämlich die Prüfung der Hände und Füße auf Sauberkeit. Nur die früher übliche Kontrolle auf etwa vorhandene Flöhe konnte entfallen, da selbige heutzutage doch eher selten vorkommen. Beim Betreten – so wurde uns eingeprägt – grüßt man die Lehrerin mit einer Verbeugung bzw. einem Knicks. Fast alle erledigten das ordnungsgemäß. Nur Klaus hatte wieder mal nicht aufgepasst und wurde somit das erste Opfer der damals üblichen Bestrafung mit dem Rohrstock. Die Erläuterung der Prügelstrafe nahm viel
Raum ein, sehr zum Vergnügen der ARG- Mannen und offensichtlich auch der Lehrerin. Die weiß halt, was gefällt! Vielleicht noch so ein Thema für eine Dissertation: „Der Einfluss des Rochowschen Schulwesens auf das Erziehungsverhalten deutscher Bischöfe“; kleiner Scherz, muss auch mal sein!

Gegenstand unseres Unterrichts war eine Geschichte aus dem bereits erwähnten Lesebuch des Herrn von Rochow „Der Kinderfreund, Ein Lesebuch zum Gebrauch an Landschulen“, erstmalig herausgegeben anno 1776 und seinerzeit käuflich zu erwerben für „zween Groschen in gutem Gelde“. Man bedenke: Der Taler zählte anno damals 24 Groschen, zwei Groschen waren also nicht wenig Geld, dennoch aber wohl für die Landbevölkerung erschwinglich. Nur mal so zum Vergleich: Das schuldenfrei übernommene Erbe des Herrn von Rochow belief sich nach damaligen Versicherungswerten auf rund 58.000 Taler, somit auf 1.392.000 Groschen. Ein Lesebuch war also für 0,00014 % dieses Erbes zu erwerben. Das Lesebuch habe ich als Nachdruck für heutige € 5,50 erworben. Schlussfolgerung, ceteris paribus: Das Erbe des Herrn von Rochow wäre nach heutigen Gelde € 5,50: 2 x 1.392.000 = rd. € 3,8 Mio. wert. Das dürfte gewisslich zu niedrig angesetzt sein. Vorsicht also mit solchen Zahlenspielen, da fehlt zur abschließenden Beurteilung manch ergänzende Angabe! Besagtes Lesebuch gibt es übrigens auch in besserer Ausgabe für mehr als 10 €. Da kommen wir dem Wert des Besitzes des Herrn von Rochow vielleicht schon näher.

Als Lektion hatte die Lehrerin die Geschichte „Das Vogelnest“ ausgewählt. Fast alle durften einen Satz vorlesen, nur ich nicht, huh wie gemein! Die Geschichte kann ich hier im Wortlaut wiedergeben, bin ich doch, wie gesagt, stolzer Besitzer dieses Lehrbuchs und habe mich inzwischen auch schon an seinen erbaulichen Texten mit stets ländlichem Bezug erfreuet. Hier also der Text, über den anschließend zu diskutieren, bzw. zu katechetisieren war, wie die Frau Lehrerin das auch nannte.
„Karl nahm alle Vogelnester um das ganze Dorf her aus, fing die Alten bey dem Neste, und quälte dann die Vögel, bis sie todt waren. Dadurch gewöhnten sich alle Vögel
von dieser Gegend weg; und im Frühjahr, da sonst durch den Gesang der Vögel alles erfreuet wird, war es bey diesem Dorf traurig und still. Aber es gab auch so viel Raupen und Gewürm daselbst, dass die Leute kein grünes Blatt behielten, und also von ihren Bäumen kein nützliches Obst bekamen. Denn alles ist von Gott zum Nutzen mit großer Weisheit eingerichtet. Die kleinen Vögel singen schön, und verzehren für sich, und ihre Jungen, sehr viele Raupen und Würmer, welche den Baum- und Gartenfrüchten schädlich sind.
Der Mensch hat nach Gottes Erlaubnis die Herrschaft über die Thiere, dass er sie zu seinem Nutzen tödten kann; aber quälen muss er sie nie, auch nicht aus Muthwillen tödten.“

Die verschiedenen Fragen zum Text konnten wir zur Zufriedenheit der Lehrerin beantworten. Nur eine Antwort blieben wir schuldig und ausgerechnet auch noch die, die ein besonderes Lob eingebracht hätte. Auf die Frage nämlich, „Dürfen wir den Kuckuck töten, denn dieser vernichtet doch die Gelege anderer Singvögel?“ hätte die Antwort lauten sollen, „Nein, denn auch dieser frisst Würmer und Insekten und ist somit nützlich“. Noch im Hinausgehen ärgerte sich unser Rate-Guru Hans sehr darüber, dass ihm diese Antwort nicht eingefallen war. Sein Ehrgeiz in diesem Punkte ist allseits bekannt. Zum Schluss mussten wir ein Kinderlied singen. Da waren wir Sangesmeister natürlich in unserem Metier und alle sangen fleißig mit.

Zum Abschluss des Tages fuhren wir noch nach Lehnin. Eigentlich, um daselbst erneut Kaffee und Kuchen zu uns zu nehmen, die Besichtigung der Klosterkirche zu Lehnin wurde lediglich billigend hingenommen. Merke: Die Überfrachtung eines Tages mit Kultur schafft eine gewisse Ermüdung. Weniger ist auch hier häufig mehr. Und damit endete für den Chronisten sein Gastspiel bei der diesjährigen Wanderruderfahrt.

Berndt Wittjen
 

 
   
 
 

Wanderfahrt 2010- Übersicht