22. Mai 2009
Klaus Niemsch

 

Prolog

 

Klaus Paul fuhr auf der B37, später der B27 die beschaulich das Neckarufer begleiten, gemächlich südwärts, um dann den Fluß zu kreuzen und bei Untereisesheim auf der A6 das Tempo hochzufahren. Bei Crailsheim wird er auf die A7 wechseln und erneut auf Südkurs gehen um schließlich bei Memmingen über die A96 nach München zu brummen. Monoton beruhigend schnurrte der Sechszylinder bei niedriger Drehzahl, der Tempomat war auf 100 plus 10% programmiert. Seine Gedanken wandten sich den vergangenen Tagen zu, noch hatte er 300 km vor sich, bald hatte er sie hinter sich und Adele hatte bereits gestern das Bier eingekühlt.

Nur allzu schnell waren die Tage vergangen, die Stunden verflogen. Wie hatte er sich auf den Neckar gefreut. Oft besungen, romantisch verklärt, mit seinem Unterlauf den Odenwald durchschneidend, mit seinem roten Sandstein das Auge erfreuend, mit Hängen, die Trollinger und Lemberg genügend Wurzelwärme gaben, im Frühlingsgrün wechselnde Wälder und ehrwürdige Burgen hat er den Ruf des „deutschesten“ aller Flüsse. Ab Plochingen ist er schiffbar, kann ihn der Ruderknecht getrost unter den Kiel nehmen.

Die latente Vorfreude hatte den unteren Blutdruck von Klaus Paul systolisch auf 90 erhöht und in Erwartung eines vermehrten Energiebedarfs pumpte die Leber verstärkt Zucker in seinen Kreislauf. Zusätzliche 10 mmol/l Glucose standen auf Abruf in den Kapillaren seiner Muskulatur zur Verfügung. Da ereilte ihn das Schicksal in Form eines Carpaltunnelsyndroms. Nun weiß jeder finnische Säugling, pisageprüft, das Carpa die Handwurzel ist. Man folglich mit einem eingekerbten Handgelenkgewebeband zunächst nicht rudern kann, obwohl doch mit diesem Eingriff der Medianusnerv entlastet ist. Klaus Paul versuchte alles, ließ die Fäden vorzeitig ziehen, trainierte mit „Fliegenfangen“ die Handmuskulatur, ließ stündlich den Daumen kreisen, massierte den Mausmuskel, entgiftete sich in der Sauna. Das Wundmal schloß sich nicht. Er entwickelte neue medizinisch unbekannte Intensivverfahren. Ohrenschmalz ist vielleicht das teuerste Fett des Körpers. Hält es nicht das Trommelfell bei den höchsten Frequenzen und längsten Wellen geschmeidig? Und die Morgenausbeute ist vielleicht noch enzymatisch, biogen am aktivsten, wenn sie auf die Narbe geschmiert wird. Nichts half. Eine Brauerfaust mit einer schwarzen  Manschette zur Piratenhand geschient, war das Ergebnis seiner Selbstheilung.

So entschloß er sich als Landknecht und Entertainer von Himmelfahrt an dabei zu sein. Nur so. Einfach nur entspannen, lachen, postpubertär blödeln, zusammensitzen und die alten Zeiten genießen; gemeinsam mit dem Geruch des Wassers, dem Strömen des Flusses, dem Gurgeln und Schmatzen in der Schleusenkammer. In der Ebersbacher „Linde“ waren sie abgestiegen. Auf der Anfahrt, dem Himmelfahrtstag, Vatertag und Donnerstag hielt er bereits ab Bad Wimpfen Ausschau nach der „Mygg“ und „Fasolt“. Und siehe da, kurz vor Binau erspähte  er fröhlich treibende Boote. Klaus Paul, scharf wie Nachbars „Lumpi“ die Bundesbrüder zu überraschen, bremste und fuhr nach links auf den Campingplatz, bestellte eine Halbe Weißbier und wartete. Leider waren es zwei Vierer aus Limburg und Kassel. Enttäuscht rollte er weiter gen Eberbach, bezog  Kemenate 303 und richtete sich ein. Ein Eldorado für Staubmilben. Das Bad ein mit roten Rüschen verbrämtes Boudoire, umhäkelter Klopapierrolle und Puffbeleuchtung. Das ganze Hotel hätte auf dem Flohmarkt Auszeichnungen erzielt.

Er rief Manne über das Mobile an und erfuhr, dass Mittagsrast beim RC Neptun in Neckarelz sei. Also zurück. An der Tankstelle erkundigte er sich nach der Zufahrt zum RC und eine nette attraktive junge Dame, also das was ihm der Arzt verboten hatte, leitete ihn zum hinter Weidenbüschen versteckten Verein. Angesichts seiner Freunde fürchtete sie sich wohl ihr Wägelchen zu verlassen, wendete und raste zurück zur Hauptstraße. Die Begrüßung war herzlich. Man trank Wasser, nur Manne hatte eine Radlerhalbe vor sich, die bekanntlich nur 10 g Äthanol absolut enthält , also Herztropfen,  die der Blutzusammensetzung folglich dienlich sind. Als Klaus Paul auf seine Invalidität verwies, hob Jörg nur müde lächelnd seine Arme in der Art des Gekreuzigten und zeigte seine beidarmigen Stigmata INRIs. “So übe auch Du Dich in Geduld, es wird schon werden“.

Für die Mannschaften waren es nach Eberbach noch gute 22 km mit zwei Schleusen. Manne und Klaus Paul warteten bei der Rudergesellschaft  auf die Boote und  Manne hatte so drei Stunden Muße um von Angelikas tragischer Krankheit und ihrem Tod zu berichten, seiner künftigen Lebensplanung und seiner neuen Herzdame Heidi. Wie er sie kennenlernte, ihren Lebensweg und wie man so gemeinsam frühstückt. Todesverachtend rauchte er derweil Kette, so etwa 10 Stengl.  Gert Wochele trug später zum Thema Punkteverfall in Flensburg vor, Terminverschleppung und Urteilswirksamkeit, während Frieder eine Auszeit nahm.

Die Küche der „Linde“ war gut, Hausmannskost und geschmackvoll. Nur Lamm hätte vorbestellt werden müssen. Aber es ging auch mit diversen Spießen, Schnitzeln und ähnlichem. Der Mensch ist doch ein Allesfresser. Wie das Schwein. Distelhäuser Bier ist eine Delikatesse aus Tauberbischhofsheim und passte hervorragend als Aperitif, Begleiter und Nachspeise. Anschließend spülten einige Bundesbrüder mit Trollinger nach.

Eine kleine Runde diskutierte in akademischer Manier über Multikulti; die Wellen unterschiedlicher Meinungen stiegen auf, kreuzten sich, interferierten und glätteten sich schließlich.

Klaus Paul versuchte sich in mathematischen Überlegungen und sammelte Daten. Er suchte nach irgendwelchen kabalistischen Beziehungen. Das durchschnittliche Alter war 65 Jahre bei einem Gewicht von 85 kg. Er errechnete einen Boddymassindex von 26,3, ausreißerbereinigt, von 26,2 im Durchschnitt bei einem Minimum / Maximum von 22,1 zu 29,6. Respekt!  Masse ist eingesperrte Energie. Doch nun zur Dimension. Der BMI ergibt sich aus dem Körpergewicht, dividiert durch das Quadrat der Körpergröße. Die Dimension wäre demnach kg/m². Aus seiner Sicht eine Zahl, die schwachsinnig ist. Idealer wäre zumindest den Körper als Zylinder zu berechnen. Also kg/ h x 2 r  phi. Oder mit einem Integral als Rotationsellipsoid. Aber das ist vermutlich von diesen körnerfressenden „eggheadigen“ Medizingurus zu viel verlangt.

Die Tageschronik

 

Der Freitagmorgen, eigentlich der tatsächliche von Manne verordnete Berichtstag des Chronisten Klaus Paul begann um 5 Uhr mit lautem Gepladder auf das Blechdach, bald aber nachließ, so daß in den Hängen des Odenwaldes die morgentlichen  Dunstnebel aufstiegen und die frische feuchte Luft die Lungenflügel blähte. Selbst die verteerten von Manne.  Nach einem kräftigen Frühstück verlas selbiger als Flottenadmiral den Tagesbefehl und teilte die Mannschaften ein. Nach den Schleusen Hirschhorn und Neckarsteinach sollte auf der rechten Flußseite bei km 38,5 Pause und Wechsel sein. Bei km 36, 4 würden man das „Ländle“ verlassen und nach Hessen wechseln. Nachmittags stünden noch die Schleusen Neckargmünd und Heidelberg, so verkündete er, an und dann sei beim Heidelberger Ruderclub endgültig Schluß, Wanderfahrt 2009 ex est.

 Doch zunächst gab es ein Problem mit dem Dicken. Bei ihm hatte sich eine Beule am Unterbauch gebildet, die vermutlich auf einen Leistenbruch zurückzuführen war. Er war nach einer Bauch OP zwar schlank aber immer noch dickköpfig wie ein hessischer Weideochse und verweigerte ärztlichen Beistand. Eindeutig war er nicht bootsfähig. Nun erhob sich ein großes Palaver auf akademischem Niveau mit der Diskussionsintensität einer Talmudschule. War man verpflichtet gegen den Willen des Kranken einen Notarzt zu rufen? Was ist unterlassene Hilfeleistung? Moralisch sind wir zur Hilfe verpflichtet. Rechtlich besteht zwischen dem Dicken und dem Verein kein Abhängigkeitsverhältnis und somit keine Sorgepflicht. Er ist Herr seines Willens und kann ihn klar äußern.  Der Notarzt wurde bestellt und wollte in ca. 30 Minuten kommen. Das spornte den Dicken zur Flucht an, gab ihm Energie und Überlebenswillen. Die Sachen gepackt, ins Auto und Frieder fuhr ihn nach Hause. Er sprang so zu sagen dem örtlichen Kreisschamanen von der Schippe. Abends telefonierte Bernd mit Frieder. Sie waren gut zu Hause angekommen und am Montag wollte sich der Dicke einer ärztlichen Untersuchung stellen. Alles Gute Dicker ! und Frieder sei Dank für die Betreuung seines Onkels.

Der Vormittag, kein Drama

 Die Boote gingen zu Wasser, der Landdienst brummte gen Treffpunkt . Klaus Paul  fuhr an der Spitze des kleinen Konvois. Bei Neckarsteinach ist die rechte Seite ein Hochufer und er war der Ansicht, daß hinter der Ortschaft ein Forstweg die Klippen hinunterführen müsste. Gedacht, getan doch Irrtum, er endete vor einem Höhenweg. Er hielt an, stieg aus und ging zu Bernd um sich zu beraten. Da ein Ruf, mehr ein Schrei: „Paß auf Dein Wagen rollt!“ Klaus machte eine Pirouette mit anschließender Judorolle über seine Piratenhand. Das Auto rollte gleichmäßig beschleunigend weiter auf den Abhang zu. Ein radelnder Senior hechtete von seinem Drahtesel und versuchte die 1,3 to zu stoppen. Es half nichts, erst festeres Gebüsch am Klippenrand hielt das Unglück in seinem Lauf auf sowie den MEC am und das Hinterrad über dem Abhang. Klaus Paul hatte beim Ausstieg in der Hektik den Automatikgang eingelegt gelassen und so war das Auto seinem spontanen Wunsch zur Selbsterkundung des Geländes gefolgt.

Jetzt übernahm Bernd das Kommando, setzte seinen geländegängigen Wagen vor und packte sein Seil zum Freischleppen aus. Bei Mercedes sind wichtige Dinge versteckt und so dauerte es seine Zeit, bis die Abschleppöse gefunden und eingeschraubt war. Klaus Paul turnte trotz behinderter Hand von rechts in sein Auto. Die Kolben des Explosionsmotors der Zugmaschine röhrten, die Nockenwelle hämmerte und die ächzende Kardanwelle vibrierte. Mit qualmender Kupplung zog ihn Bernd frei. Zwille stand währenddessen hinter der Kamera und digitalisierte das Drama mit ruhiger Hand.

Landdienstgammel

 Zurück in Richtung Neckarsteinach. Zunächst zur Schleuse von wo aus Bernd erkannte, daß nur in der Stadt die Uferpromenade für Sportboote zum Anlegen geeignet war. Ein gutes Plätzchen und so warteten sie entspannt  auf die Boote. Das Vierburgenstädtchen liegt romantisch eingebettet in den grünen Hängen des südlichen Odenwaldes. Auch hier ist der rote Sandstein markant. Urkundlich erstmalig erwähnt wurde es 1142, diverse Lehnsträger wurden geschichtlich dokumentiert und das Geschlecht „ Landschaden von Steinach“ kassierte Fron und Steuern um  seinem Namen gerecht zu werdend. Nach der Säkularisierung und Trennung von den pfälzischen Bistümern kam der Ort zu Hessen, was am 3. Juni 1803 feierlich begrüßt wurde. Seitdem wird im Gemeinderat rumgebabbelt.

Ein Miraculum wurde durch Klaus Paul erforscht. Am Überlauf des Schleusenwehres läuft ein Teil des Wassers gelb der andere blank ab. Da die Bundesbrüder sich darüber arg wunderten und bass erstaunt waren, Klaus Paul aber einen naturwissenschaftlichen Hintergrund vermutete, machte er sich auf den Weg und erkundete die Situation. Für spätere Generationen: Das Oberwasser vor dem Wehr ist gleich trübe und von lehmiger Farbe. Auf der „blanken“ Seite, läuft das Wasser langsam in dünner Schichtdicke von 10 cm über die Kannte. Auf der Gelben ist die Schichtdicke etwa 50 cm,  die Strömungsgeschwindigkeit ein Vielfaches und Luft wird eingewirbelt, so daß die Sichttiefe nur gering ist. Jetzt war alles klar.

Während Klaus Paul mit humboldtscher Neugier das Ufer durchstreifte, machte Bernd künstlerisch anspruchsvolle Makroaufnahmen von Brennnesseldrüsenhaaren auf harnstoffhaltigem Boden an der Ufermauer.

Endlich landeten die Boote mit einer geschickten Wende gegen die Strömung an. Die Mannschaften stiegen aus, lüfteten die Unterhose und  kaum wieder terra firma unter den Füßen, öffnete Petrus seinerseits das Schleusentor. Man flüchtete in die Autos doch nach kurzer Dauer konnte wie gewohnt die Mittagsbrotzeit aufgebaut werden. Und da das Brot nicht reichte, besorgte Bernd noch Kuchenschnecken und Minipizza. In Ermangelung geeigneter Urinale, diente die Stadtmauer im Sichtschutz der Autos einer alten Landsknechtsitte.

Drei Vierer aus Kassel und Limburg legten an, durchnässt bis durch die Unterwäsche. Der Wolkenbruch hatte sie schutzlos in der Schleusenkammer erwischt. Jetzt klarte es zwar ein wenig auf, doch die Situation blieb unbeständig und so machten sich die Mannschaften tapfer aber angeschlagen auf die letzte Etappe der Neckarfahrt.

Der Landdienst traf sich beim Heidelberger Ruderclub,  entspannte sich bei bayrischem Weißbier auf der Terrasse und nach langen Stunden der Langweile kamen die Boote wieder in Sicht. Starker Gegenwind hatte ihnen ermüdend zugesetzt. Klaus Paul überschlug: Der Winddruck auf stehende Gebäude errechnet sich in kg/m² als 0,1 x m/sec Windgeschwindigkeit. Das sind also bei 10 km/h 0,27 kg/m² bei 30 dann 0,83 und bei in Böen 50 sogar 1,38 kg/m². Da durchfuhr ein Gedankenblitz elektrisierend das Kombinationsvermögen seines Kleinhirns. Die Dimension (hic!). Gestern Abend der Boddymassindex in kg/m². Heureka! Besteht hier ein Zusammenhang? Es wäre auf kommenden Fahrten zu prüfen. Je höher der gemeinsame BMI der Mannschaft, desto mehr Widerstand gegen anstürmend Winde. Und noch eine Statistik stellte er auf. Die Schleuse Esslingen liegt 236.2m über NN, die Heidelberger 107,6 m. Das sind offiziell 128,6 m Schleusenhub. Davon heute auf 35 km immerhin 16,5 m.

Ein kurzer Abend

 Die Abendfütterung der Helden fand wieder in der „Linde“ statt doch nervten zunächst die Kinder des Wirtes, der Kellnerin, der Stammgäste oder aller gemeinsam. Die zwölfjährige frühpubertäre, hyperaktive Tochter ging zunächst Berndt dann Hans mit Zaubertricks auf den Wecker. Und ihr kleiner noch milchzahniger Bruder, der bereits eifrig beim Tellerabräumen half, stand ihr in Penetranz nicht nach. Erst ein Machtwort von Klaus Paul schaffte Ruhe. Wie er ausführte, mag er Kinder, vor allem gut abgehangen und durchgebraten.

Lamm war vorbestellt und so waren alle einig und zufrieden. Hans berichtete von einer Diskussion im Boot über den optimalen Kurs auf einem mäandernden Fluß unter Betracht der Strömungsunterstützung und Strecke. Klaus Paul hatte eine Faustzahl von 2/3 der Flußbreite im Kopf, meinte aber, daß mittels einer Infinitesimalrechnung mit Minimum, Maximum und Wendepunkt durch Differenzieren der Gleichung ein millimetergenauer Kurs zu finden sei. Der Steuermann müsse halt Kopfrechnen können.  Abschlußstimmung kam auf und auch wenn Klaus Paul noch eine Runde Kirschwasser auf sein Dabeiseindürfen  ausgab, Jörg noch als Historiker zu Bismarcks „Emser Depesche“ über Hintergründe referierte, Manne seine zweite „Last order“ ausrief, kam bald das Sandmännchen zu den ausgezehrten Recken an Skull und Steuerleine.

Epilog

 Hier war für Klaus Paul sein Beitrag zur Chronik beendet. Er spurte sich ein, noch 500 m zur Autobahnauffahrt, jetzt mußte er sich wieder konzentrieren. 2010 wollten sie, so plante Manne, mal wieder am heimatlichen Steg ablegen und durch das Havelland rudern. Gern wollte er dabeisein.

 

Wanderfahrt 2009 - Übersicht