19. Mai 2009
Jörg Goldbeck

 

Industriekultur

 

Sonnabend, 16.5.09, gegen 8.00 Uhr:  Ich döse in Bb.Metzens Auto so vor mich hin. Kein Wunder: Heute schon um 4.30 Uhr  (!)  aufgestanden. Da kömmt mir schlafumwölkt eine wundervolle Vision: Ach, wenn doch unsere Rudererchefs auf dieser Wanderfahrt wie alle Männer allzumal ’nen Hang hätten zum Frühstücks- küchenpersonal  ( frei nach Wilhelm Busch, Die fromme Helene, Kap 4, kann man auch im Internet nachlesen ), dann könnten die anderen noch eine Weile an der Matratze horchen...

 Dienstag, 19.5.09: Der Wecker hat gerade geklingelt, aber es ist schon 6.30 Uhr. Hat sich mein Wunschtraum erfüllt? Ja, aber auf eine andere Weise. Bb. Metz schläft noch gemütlich schmatzend neben mir. Wir können tatsächlich eine ganze halbe Stunde später frühstücken – wie schon an den anderen beiden Tagen auch. Das lässt Gutes hoffen für den Rest der Fahrt und auch für die nächsten Wanderfahrten...

Nach dem Frühstück – in guter Qualität im freundlichen Gastraum – machen wir uns um 8.30 Uhr auf den Weg: Wie immer sind alle pünktlich. Die Sonne scheint schon übers Land und herrlich ist die Morgenluft – überall ein Frühlingsduft zieht durch grüne Auen. Ist schon recht poetisch, die Landschaft am Neckar. Links der Straße sehe ich Weinberge, rechts der Straße Kartoffelfelder, welch’ ein reizender Gegensatz. Und in der Ferne steigt  weißer Dampf aus einem Atomkraftwerkskühlturm. Schön!

Das stimmt gut ein auf den ersten Höhepunkt des Tages. Wir beginnen heute mit Kultur.

Friedrich von Schiller steht  auf dem Programm.

 

      Das ist es, das Geburtshaus in der Mitte

 

Wir stehen nach kurzer Fahrt vor dem Geburtshaus Schillers in Marbach und bestaunen befremdet gleich anschließend den kleinen Wohnraum, in dem die Familie einige Zeit zur Miete gelebt hat, weil Vater Schiller nicht nur ein schlechter Geschäftsmann, sondern auch ein äußerst sparsamer Vater war. Schon erstaunlich, wie in einem so kleinen Raum ein so großer Dichter hat heranwachsen können:

 

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,

die auf Korinthens Landesenge

der Griechen Stämme wohl vereint,

zog Ibikus, der Götterfreund.

 So reimt Schiller in der Mörderballade ‚Die Kraniche des Ibikus’ anlässlich von  Olympischen Spielen im alten Griechenland. Und da wir ja auch olympischen Geistes sind, schreibe ich das  kongenial auf unsere Situation um:

 Zum Kampf auf Neptuns wilden Wogen

zwölf Bundesbrüder tapfer zogen

nach Schwaben an des Neckars Strand.

 

Schon gut, ich höre ja schon auf. Aber Schiller hat auch etwas Passendes gedichtet: ‚Auf der Berge freier Höhen in der Mittagssonne Schein, an des warmen Strahles Kräften zeugt Natur den gold’nen Wein’ , reimt er im ‚Punschlied’. Da fallen uns doch sofort die netten Abende beim Wein ein. Auch Kästner hat etwas dazu zu sagen: ‚Das Wetter ist recht gut geraten. Der Kirchturm träumt vom lieben Gott. Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten und auch ein bisschen nach Kompott’ ( E. Kästner, Kleine Stadt am Sonntagmorgen ).

Wer von uns denkt da nicht sofort ans ‚s’Dächle’ und seine von netten Kellnerinnen servierten Riesenschnitzeln?

  Friedrich von Schiller                   

  

Doch zurück zu Schiller. Eine Seite, die bisher immer Shakespeare zugeschrieben  wurde, trifft auch auf Schiller zu. Unsere verehrten Bb.Bb., die noch in Saft und Kraft stehen, werden das zu schätzen wissen. Cole Porter reimt so ungefähr: 

 

Die bess’ren Damen gewinnt man nur

durch Beherrschung der Literatur.

Du wirst Eindruck schinden, zitierst du kess

Aischylos und Euripides.

Homer gibt dir über Frauen Macht,

Homer ist der, wenn man trotzdem lacht.

Die Frauen loben deinen Kunstverstand

hast du ’nen Knüller von Schiller zur Hand.

Denn der Schiller ist der Clou – du wirst im Salon zum Cougar

deklamierst du immerzu uns’ren Dichter aus Marbach am Neckar.

Schlag nach bei Schiller, bei dem steht was drin.

Kommst du mit Schiller, sind die Weiber ganz schnell hin!

 

So, nun ist aber Schluss mit der literarischen Kultur!

 Noch ein Blick auf Marbach: Ein sehr malerisches Städtchen, sogar mit einigen Fachwerkbauten, die Straßen sind sauber geputzt und sogar Lizzy was here in 1959 to see the lovely town where the german poet with the big,big nose was born.

 Wir verlassen jetzt das Schillerstädtchen, um uns wieder dem eigentlichen Zweck unserer Fahrt zu widmen. Wir setzen  bei Flusskilometer 143 in Hessigheim ein. Kaum auf dem Wasser, gibt’s schon wieder eine Pause. Eine Schleuse wartet auf uns. Schleusen ist auf dem Neckar ja etwas problematisch. Meist sind doch viele Meter zu überwinden. Die Schleusenkammern sind eng und tief und vom Personal sieht man nichts, höchstens einmal ein mürrisches Winken hinter einer Scheibe. Oft muss man auch lange warten, denn für die emsigen schwäbischen Menschen ist eine reine Vergnügungsfahrt mit einem Sportboot wohl eher ärgerlich. Da schaffet man ja nix im Gegensatz zur Berufsschifffahrt.

Diesmal geht es aber in angemessener Zeit. Nach der Schleuse beginnt eine sehr gute und schnelle Fahrt. Die Mannschaft passt gut zusammen. Jeder zieht nach Kräften. Der Schlag wird exakt gehalten. Keiner hängt zu irgendeiner Seite und so machen wir gute Fahrt, etwa 5-6 Minuten brauchen wir pro Kilometer.

Vielleicht beflügelt uns auch die endlich etwas lieblicher aussehende Landschaft. Bis jetzt haben wir ja auf viele schmutzige und lärmende Industrieanlagen gucken müssen. Der Lärm und Dreck dieser Anlagen und der Straßenlärm häufig auf der anderen Seite des Flusses beeinträchtigten doch erheblich den Rudergenuss. Um es noch deutlicher zu sagen: Um Stuttgart herum ist der Fluss industriell ziemlich versaut.

Umso schöner ist es jetzt. Backbord sind  Wald und Wiesen zu sehen, auf der Steuerbordseite gibt es viele kleine Weinberge, die ein gutes Tröpfchen versprechen.

Die Sonne scheint warm vom Himmel. Auffällig ist nur, dass kaum Vögel zu hören sind. Nicht einmal ein Kuckuck lässt sich vernehmen. Da erfreut  besonders die bekannte Pfeifmelodie von Bb. Scheer, der sie oft erklingen lässt.

Die Schleuse in Besigheim ist schnell passiert. Der Hub beträgt 6,3 Meter. Und gegen 13.00 Uhr erreichen wir nach ca. 17 Kilometern den Ruderclub Neckar bei Lauffen.

Hier machen wir die Mittagsrast. Herausragend ist der Kirschstreuselkuchen, den der Landdienst extra für die harten Ruderer besorgt hat. Bb. Jäh beklagt allerdings lauthals die geschmacklosen Äpfel. Vorboten des gefürchteten 3-Tage-Kollers? Nein, dann doch

noch nicht. Wir rudern schließlich durch die schöne Landschaft weiter zur abendlichen Anlagestelle beim Heilbronner Ruderclub, wo wir gegen 17.00 Uhr ankommen. 

Der Ausklang des Tages findet wie üblich im s’Dächle bei Schnitzel und Bier statt. Die Kellnerin ist wie immer eine neue, aber besonders freundlich. Bb.Metz und ich entdecken schließlich noch die Spezialität des Hauses: Joki – ein Likör aus Johannisbeeren und Kirschen mit leichtem Vanillegeschmack. Meine Frau ist inzwischen fast süchtig danach.

Am Abend dann noch ein unerwarteter Höhepunkt. Bb. Wochele zeigt sich in ganzer Schönheit und splitterfasernackt am Fenster, um das Wetter zu beobachten. Mit diesem Anblick vor unserem geistigen Auge sinken wir - Manne und ich - schließlich ins Bett, um einem neuen Tag entgegen zu schlafen.

 

Wanderfahrt 2009 - Übersicht