Warum rudert er?

Eine Erzählung von Klaus Niemsch, Berlin

 

Susanne war Klaus-Pauls Sekretärin. Vielleicht stellte sie eine typische Vertreterin ihres Berufsstandes dar. Immer höflich und zuvorkommend, doch kein devoter Schreiberling, stets adrett und ausgesucht gekleidet, aber nicht überzogen modisch, bevorzugte sie eine frische, eher besonnen wirkende Eleganz, ohne dabei zu verschweigen, dass sie noch nicht zwanzigjährig war. Ihr Ver-

halten gegenüber ihrem Chef war stets tadelsfrei und kleine Launen wurden ihr wie jeder Kollegin gerne nachgesehen. Mit einem natürlichen Gefühl für das Zweckmäßige ausgestattet, verstand sie es schnell, die an der Schule erworbenen Kenntnisse mit den Wünschen Klaus-Pauls in Einklang zu bringen. Englische und französische Korrespondenz ging ihr leicht von der Hand und mit kaum vermutetem Selbstverständnis formulierte sie sein Diktat in einen gefälligen und lesbaren Ton um.

 

Nur, Susanne lag ständig ein Problem im Magen, sie hatte nämlich vom Rudern überhaupt keine Ahnung und gerade darüber lagen mit regelmäßiger Penetranz kommentarlos Manuskripte auf dem Monitor ihres PC. Der Alte verzog sich unterdessen auf eine Dienstreise, während sie sich, mit dem Kauderwelsch alleingelassen, durch den Text zu kämpfen hatte. Von einem Achter hatte sie gehört, doch was bedeutete in einem Tausendfüßler zu skullen, der mit einer Kielsau bestückt war? Ein Doppelzweier-ohne war wohl so etwas wie eine kinderlose Berufsehe, aber „Skiff“ entzog sich ihrem Wortschatz. Dann diese derben Umschreibungen. Während für sie jeder gebildete Mensch über ein Gesäß verfügte, war Klaus-Paul der Ansicht, dass er wie auch andere Ruderer eben einen durch den Rollsitz vorgeformten geformten Hintern besäße und es dabei unterließ, überhaupt zu erklären, was ein Rollsitz ist.

 

"Auf dem Wannsee in Richtung Nadelöhr, etwa in Höhe des FKK-Strandes, stand wie immer Kabbelwasser", tönte es abgehackt und hastig aus dem Diktiergerät. Susanne spulte zurück und hörte wiederum konzentriert zu. Sie verstand erneut Kabbelwasser. Heißt es nicht Krabbelwasser? Doch auf dem Wannsee? In den seichten Uferwellen krabbeln Kleinkinder, das wäre vorstellbar. Sie tippte lieber Kribbelwasser. Wie sie ihn und seine Ruderkameraden aus den Berichten kannte, paßte irgend etwas mit Sekt dazu.

 

Überhaupt, dachte sie kurz, müssen die ganz schön zur Sache gehen. Auf den Sternfahrten setzten sie sich regelmäßig fest, beim Boote reinigen, stärkten sie sich dann erneut, um anschließend an der Bar die Runden einzuläuten. Das sah man ja auch an seiner Figur. Eine ausgemergelte Marathon-Erscheinung war der bestimmt nicht. Wenn auch ohne Schwabbelfett, so war doch seine kräftige Muskulatur eher verdeckt und die Liebe zum Bier nicht zu verleugnen. Dies bräuchte man als Ruderer, verteidigte er sich regelmäßig, und jedes Meeressäugetier wisse das auch, um die sensiblen Muskelfasern und hochgespannten Sehnen gegen Wind und Wetter zu schützen. Drei Millimeter Speckschicht gäben eine hervorragende Wärmedämmung.

 

Susanne legte eine kurze Pause ein, um sich Kaffee zu holen und erinnerte sich, wie sie zunächst entsetzt war, als sie vom Winterrudern hörte. Gut, bei milden Temperaturen und Sonnenschein, machte auch sie ihren Citybummel und konnte sich gleichfalls vorstellen, daß man seine Freizeit auf dem Wasser verbrachte, doch wenn sie schrieb, daß die Witterung bei acht Grad unter Null nasskalt kriechend, der Fluss bleigrau und von Himmel, Wasser, Ufer und Eis keine Trennung erkennbar war, dann war sie überzeugt, dass der Alte nicht ganz dicht war. Überhaupt auch diese Wanderfahrten, die waren doch mehr Überlebenstraining als Urlaubsreise. Sie war jung und schlank, gewiss auch sportlich und gegebenenfalls naturverbunden, aber dass der Chef mit seinem Gehalt nach acht Stunden Abrackern in einen Schlafsack kroch, sich auf einer Luftmatratze lang machte und dabei den Frühjahrsregen auf das Zeltdach prasseln liess, konnte sie nicht verstehen.

 

Doch seine Freunde, er nannte sie Bundesbrüder, waren ihm ähnlich und er betonte immer wieder, dass in der Individualität des Einzelnen bei gleichzeitigem Einsatz für alle die Stärke seines Vereins lag. Sie schrieb jetzt "am Ostufer der Havel im Schatten der Weiden". Naja, eine Bretterbude wird es wohl nicht sein, aber sicher auch kein Sportpalast. Jene Arbeitseinsätze waren auch so eine typische Männerwirtschaft. Alles abgekochte Profis in ihrem Beruf, verlegten sie sich bei ihrem Hausdienst auf das Palavern, Planen und stundenlange Grübeln über die Vereinfachung von Arbeitsabläufen, die in der Zwischenzeit drei- wenn nicht viermal erledigt wären.

Der Chef meinte, dass dies gerade der entspannende Freiraum sei, den eben nur sein einzigartiger Ruderverein ihm gäbe; eine Oase in einem von Weiblichkeit beherrschten Alltag.

 

Sie lächelte. Ein bornierter Machotyp war er gewiss nicht und stand mit Sicherheit auch nicht in der Schusslinie eines emanzipierten Kaffeekränzchens. Trotzdem musste er, wenn nicht wohl generell ein Ruderer, mit einem Engel der Nachsicht verheiratet sein. Neben den Wochenenden hatte er stets mittwochs zusätzlich seinen Trainingstag, wie er es nannte. Einmal Lindwerder Umfahrt, dann Breite Horn, in die Scharfe Lanke und zurück. Sie sah es ihm donnerstags an, wenn er ihr unausgeschlafen und lustlos am Schreibtisch mitteilte, dass es Zeit wäre, aus dem Stress auszusteigen und sich die Karten zu legen. In all seinen Ehejahren, so prahlte er neulich, hätte er es verstanden, das Sonntagsessen immer weiter in die Nachmittagsstunden zu verlegen.

Wie sie ihn kannte und seine Frau sah es ihm bestimmt nach, war er dann ohne jegliche Verlegenheit voll des Lobes über den ausgekühlten Braten, die zerfallenen Karotten wie auch den welken Salat und betonte dann leutselig, dass er mit einer Bockwurst durchaus zufrieden gewesen wäre, die Verspätung aber auf die Rücksichtslosigkeit seiner Bootskameraden zurückzuführen sei, die unbedingt noch einige Kilometer hätten mehr fahren wollen. Und während er dann vermutlich lachte und seiner Ehefrau mit einem schmachtenden Tangoblick in die Augen sank, wird er ihr erklären, daß sie sich für das nächste Wochenende zur Sternfahrt nach Neukölln verabredet und er zugesagt hätte, dass sie die Mannschaft dort abholen und am Sonntag auch wieder morgens um halb acht hinbringen würde.

 

Susanne kochte bei dem Gedanken, wenn ihr Freund ihr das zumuten würde. Der gehörte an ihre Seite, Tag wie Nacht und erst recht im Urlaub. Von wegen, Wanderrudern auf der Mosel, zehn Tage, von Freitag bis übernächsten Sonntag inclusive Himmelfahrt. Sie kannte die Rundschreiben der Weinvertreter, die Verkostungs-Programme und seine Liste der Anlegestege, und es war ihr ein Leichtes, sich vorzustellen, wie der Chef feuchtfröhlich in der Sonne des Weingartens saß, Sprüche klopfte und der drallen Steuerfrau eines Damenvierers klarmachte, dass er im Prinzip der beste Ehemann der Welt sei. Sie tippte die letzten zwei Minuten vom Diktatband auf die Diskette und räumte ihren Schreibtisch für das Wochenende zusammen. Durch das Fenster fielen die ersten Strahlen der Nachmittagssonne, der Himmel war hellblau und Federwölkchen zeigten eine stabile Wetterlage an. Warum sollte sie eigentlich nicht einmal eine Dampferfahrt machen und sich das bunte Rudervölkchen ansehen. Irgendetwas musste doch an der Sache dran sein, die die Zeit vergessen lässt, den Erschöpften aufbaut und dem Geplagten die rechte Laune zurückgibt.

Und wenn der Alte am Montag in ihrem Büro erscheint, wird sie ihn anstrahlen und verschworen lächeln.