Auf Lahn und Rhein

Von Klaus Niemsch, Berlin

 

Es ist angenehm, in der noch wärmenden Abendsonne auf der Deichkrone des Rheins vor dem Crefelder Ruderclub zu sitzen. Der Blick schweift ungehindert über die Spielzeuglandschaft des gegenüberliegenden Ufers, erholt sich an der grünen Weite der Wiesen und dem silbergrauen Band des Stromes. Der letzte Rudertag beinhaltet immer etwas Wehmut, dass die Gemeinsamkeit erlebnisreicher Tage beendet ist, Freunde voneinander scheiden müssen und der geregelte Alltag sie erwartet, aber auch gleichzeitig etwas Freude darüber, dass alles gut durchstanden wurde und nun die Heimfahrt angetreten werden kann. Die satte Feierabendstimmung verleiht schnell zu friedvollem Denken und gelöster Rückbesinnung.

 

Sylvia, die junge gastfreundliche Wirtin, deckt bereits liebevoll die Abendtafel für das Abschiedsessen, denkt umsichtig an genügend Bier und Wein und eilt unruhig und viel zu oft in die Küche, um nach dem vielversprechend duftenden Spießbraten im Herd zu sehen.

Die Zeit lässt sich physikalisch nach dem Zerfall eines Atoms oder astronomisch nach dem Stand der Gestirne definieren und in Sekunden, Stunden und ihr Vielfaches teilen. Diese Wanderruderwoche hatte die Dauer einer Löwenzahnblüte. Zu Beginn leuchtete ihr Buttergelb auf dem frühlingsgrünen Teppich der Wiesen mit dem des Rapses um die Wette, um am Ende den zartgrauen Kopf mit den feingesponnenen Sporen dem Wind zu opfern.

 

Die Löwenzahnzeit eilte schnell davon und verrann im Wirbel der Eindrücke. Sie begann in Wetzlar, folgte dem flinken Lauf der Lahn, rieb sich an den Hängen des Westerwaldes und Taunus, um ihre verbliebene Energie dem vorwärts hastenden Rhein hingebungsvoll zu übereignen.

 

Hinter der ehemals freien Reichsstadt Wetzlar verlässt die Lahn die nördliche Weite der Wetterau, um sich an der abseits gelegenen Fürstenstadt Braunfels vorbei dem barocken Kleinod Weilburg zuzuwenden, doch verhindert hier der ehrwürdige düstere Tunnel ein einprägsames Rasten des Blickes auf Altstadt und Schloss.

 

Wie beschaulich sind dafür die in rascher Folge erreichbaren Schleusen, die mit ihren bemoosten Toren sowie ihren kühl atmenden hundertfünfzigjährigen Wänden wohltuenden Schatten spenden und mit ihrer handwerklichen Bedienung Geschick erwarten als auch Anlass zum Scherzen geben. Wer vergisst schon die langarmigen Balkenhebel der Schleusentore bei Kirschhofen, die Kraft und direkten Körpereinsatz erfordern ?

 

Runkel mit seiner fast provenzialisch anmutenden Burg und seiner eineinhalbjahrtausendalten Brücke ist im Querwasser des Wehrs schnell vergessen, und bald erzählt hinter Limburg das kanalisierte Flussbett von den Erzfrachten vergangener Tage, die in harter Fron von erschöpften Bergleuten herausgeschunden werden mussten.

 

Limburg, wirtschaftlicher und kultureller Mittelpunkt des nassauischen Landes, lohnt den Verbleib mit seinem siebentürmigen spätromanischen-frühgotischen Dom, seinen winkeligen Gassen, den Fachwerkhäusern und dem weiten Talblick. Doch fordert dies auch Dietz mit seinem wuchtigen Fürstensitz ebenso wie Balduinstein und Laurenburg, wo sich im engen Tal die grünen Hügel im schwarzen ruhig dahingleitenden Wasser spiegeln und schließlich auch Nassau mit der Stammburg des Hauses Nassau-Oranien und gleichfalls Geburtsort des Freiherrn vom Stein.

 

Von dem wilhelminischen Ems mag der Sänger schweigen, verweist es doch auf die kommenden geschäftigen Kilometer bis zur Mündung und auf die sich mehrende Zahl von Zeltplätzen und ihren Gummibootbesitzern sowie auf die trinkfreudige Seligkeit des Rheintals. Das Wirtshaus an der Lahn wird leicht zu finden sein, die studentenbesungene Wirtin sich aber im verdienten Ruhestand befinden und so soll noch einmal Burg Lahneck und die Johanniskirche aus dem 12. Jahrhundert als Kontrapunkt in den Vordergrund treten.

 

Bleibt die Lahn auf ihrem Weg stets das bescheiden lächelnde doch flinke schüchterne Mädchen, so erscheint der Rhein als roher rücksichtsloser Kraftprotz, der, am Deutschen Eck durch Mutter Mosel bestärkt, sich von seiner noch rauheren Seite zeigt. Den Sirenengesang der Lorelei noch im Sinn, zeigt er sich eigenwillig zornig, wirft seine Wellen hoch auf; fließt, strömt, über-

schlägt sich mit der geballten Energie des ausgereiften Alters. Wenig Zeit bleibt bei Ehrenbreitstein, sich des Pagenhauses des schaffensreichen Balthasars Neumann oder bei Rheinbröhl sich des hier einst beginnenden Limes entlang des römischen Grenzwalles, zu erinnern.

 

Bis Bonn entlohnt den Ruderer die Vielzahl der beschaulichen Uferstädtchen wie das bunte heitere Linz mit seiner Martinskirche, oder er wird erneut durch den im Strombett liegenden Felsen der Erpeler Ley herausgefordert, so nimmt er schließlich doch mit dem Siebengebirge, dem Amen des Rheines, bevor er sich in die Tiefebene ergießt", Abschied von der Harmonie der Linien und der Gefälligkeit des Bildes.

 

Bei Köln trifft ihn die explosive Spannung einer Verkehrsstraße dröhnend, erdrückend und rücksichtslos wie eine Autobahn. Berg- wie talabwärts zählt die Ladung, nicht gewertet nach der Blütezeit einer Butterblume, sondern in Mark, Gulden, Franken pro Stunde und Tonne pro Kilometer. Musikdampfer und Fähren bringen Menschenfracht stromauf- und stromabwärts, hinüber herüber, hektisch hastend, rastlos. Brückenpfeiler, Steilwände, Motorboote, gepresste ungebremste Strömung und Akkordschiffahrt treiben den Ruderer in seiner Nußschale verachtend vorwärts.

 

Die kraftgebende Pause im Fährhaus Puwit bei Dormagen kann nur kurz sein und auch der eilige Besuch im nahen mittelalterlichen Zons mit seinen ruhigen Gassen, der romantischen Mühle und der wehrhaften Stadtmauer lenkt nicht von dem bojen- und bühnenbestückten Weg mit der doppelten S-Kurve bei Düsseldorf und den stehenden Wellen im Neusser Hafen ab.

Wieder auf dem Fluss sind westfälische Ruhe und Starrsinnigkeit gefragt.

 

Sylvia ruft zu Tisch! Der Wein erfrischt und wird viel zu schnell getrunken und schließlich muss das Bier den Nachdurst löschen. Unter dem tiefen Sternenhimmel hebt sich die Deichkrone wie eine Insel aus den sich behutsam verdunkelnden Ufern heraus. In ihrem Schatten schöpfen die ankernden Lastkähne, an ihren Ketten geräuschvoll zerrend, Kraft für die morgige Klettertour stromaufwärts, während oben an der Tafel Stunde um Stunde die Wellen höher, die Schiffsbegegnungen gefährlicher und die Bojen knapper umrundet werden und sich auch die Wirtin immer leutseliger gibt.

Lahn und Rhein bedeuten dreihundert Kilometer Gegensätzlichkeit, aber im Schlaf scheinen sie sich zu gleichen.