Wir fahren in die Welt hinaus

Eine Erzählung von Klaus Niemsch, Berlin

Zu fünft saßen sie vor dem Ofen, hatten ihren Oberkörper weit zurückgelehnt und die durchfrorenen Füße vorgestreckt. Lediglich Klaus-Paul hatte sich rittlings auf seinem Stuhl plaziert, um den vom Schnee durchnäßten Rücken aufzutauen. In der Punschkanne auf der Ofenplatte begannen gerade die ersten Siedebläschen zu summen, und das schwere süßliche Aroma des Jamaika-Rums verteilte sich belebend in der Runde, als Manne bewegungslos und ohne Vorankündigung einer Gedankenbewegung fragte: „Wo geht denn nun die nächste Frühjahrsfahrt hin?" Einer grunzte etwas wie: egal, ich bin dabei, klang, doch Bernd, sonst ungekrönter Organisator, ergänzte sofort „Ich mache diesmal nichts!"

"Ja, wohin? Auf der Weser begrüßen uns schon die Enten, auf dem Main haben wir bald Hausverbot und an der Mosel stehen am Ufer Jungfern und werfen grüne Kränze."

Man schenkte sich Punsch ein, nippte kurz und sachverständig prüfend, um dann nach Bedarf mit etwas Rum auf Trinktemperatur herunterzukühlen und schweigend in Erinnerungen zu versinken. Seit Jahren dem Wanderrudern verschrieben, liebten sie die Verbindung aus Sport und Hingabe in die romantische Gefühlswelt, wie sie nur in der Natur geweckt wird. Das Farbenspiel der Wälder, die beruhigende Stille der Seen und die rastlose Bewegung der Flüsse zusammen mit dem Hoffen und sich Ergeben in das Wetter sowie in die Disziplin einer Mannschaft und die Harmonie der Gemeinschaft, empfindet jeder für sich, speichert es und zehrt davon unter der Belastung des Alltags.

„Wie wär’s mit der Donau?" unterbrach Hans, „Deggendorf und Linz sind gute Adressen und die Wachau löst den Bierstein aus der Leber!" „Aber zu weit! Zwei Tage Rückfahrt über die Dörfer."

Der Rhein ist zu weitläufig und wellig, die Lorelei nie anzutreffen, die Lahn zu kurz und die Elbe mit ihren Deichen und den Hinterteilen der grasenden Kühe zu trostlos, Eider und Schlei zu windig, wie auch die Aller keine Kilometer bringt.

Aus der Halle kam Pitt, der wie immer noch etwas zu kramen hatte und den Rest der lauter werdenden Diskussion gehört hatte. „Also mir liegt der Bodensee. Über Himmelfahrt kann das Wetter stabil sein. Nach Arbon rüber zur Panoramafahrt der Alpenwelt und dann noch den Hochrhein bis Waldshut, das hätte Gesicht, Kultur und Hygiene. Vielleicht sollten wir auch noch in die Aare hineinschauen."

Klaus Paul wies jetzt munterer werdend darauf hin, daß die Stromschnellen vor Waldshut nicht im Wanderruderführer verzeichnet sind, doch habe man ihm in Rothaus empfohlen, auf der Schweizer Seite einzufahren, sich hinter der Kurve zur Mitte hin zu halten, um schließlich am deutschen Ufer heraus erneut zur Mitte zu rudern. Er goß sich den Rest ein und schloß sich dem wieder einsetzenden Schweigen an.

Bisher hatte die Fahrtenplanung stets funktioniert. Einer, immer Bernd, organisierte, der Rest wirkte mehr oder weniger verwirrend beratend. Also kein Grund zur Krise, laß sie nur brüten.

Lachend kam Wolfgang zur Tür herein, rieb sich kurz die vom Frost geröteten Hände und öffnet sich eine Flasche Bier. Wie immer erschien er erst zum gemütlichen Teil. Auf der letzten Sternfahrt hatte er von der Doubs gehört, und auch eine Fahrt von der Saar nach Straßburg erschien ihm recht reizvoll. Dagegen war ihm die Loire bei allem Liebreiz zu flach. Insgeheim lockte ihn ja Paris, aber auch da weniger das ruderische Erlebnis, die Ille de la Cité zu umfahren, als an der Pointe-du-Vert-Galan die sich sonnenden grazilen Schönheiten der Sorbonne zu betrachten.

„Du spinnst mit deinen frankophilen Anwandlungen" unterbrach ihn Bernd „bei einer endlos langen Anfahrt bleibt nur wenig Zeit dem Reichtum an kulturellen Höhepunkten gerecht zu werden." „Dann möchte ich mal auf die Moskwa. Natalie von der Lomonossow-Uni kann und hat mich bestimmt nicht vergessen" scherzte Klaus-Paul:"In Eschwege haben sie uns doch von der Moldau erzählt. Überhaupt, warum nicht in den Ostblock. Die Weichsel, die ostpreußische Seenplatte oder die Elbe abwärts von Bad Schandau über das Elbflorenz Dresden bis nach Havelberg sind doch recht diskutabel."

Das Gespräch wurde jetzt lebhafter, das Für und Wider beschleunigt. Eggi erinnerte sich der Wanderfahrten der Vorkriegszeit nach Mecklenburg, zur Ostsee und ins Havelland. Die große oder die kleine Umfahrt gehörten den Wochenenden, und in den Ferien ging es mit Boot, Zelt und Kochtopf hinaus ohne Begleitauto, Hänger und Restaurant - aber leider auch ohne Geld. Besorgt gab Klaus Paul zu bedenken, daß der Nahrungsnachschub im Ostblock detailliert zu planen sei. „Soviel Bier wie wir brauchen, können wir gar nicht mitnehmen."

Die Gruppe lachte, und als sich Dieter geduscht und gefönt an die Bar stellte und seine gewölbten Mittagsbrote verteilte, wurden diese nach einer kurzen Kommentierung des Belages wie immer akzeptiert.

Wolfgang noch etwas säuerlich, daß seine Frankreichideen abgewiesen worden waren, läutete die Thekenglocke und verschaffte sich so Gehör. Das kostete ihn zwar eine Runde, doch hier hatte jeder Kredit, der sich großzügig zeigte, und so konnte er den Bericht aus dem RUDERSPORT über die Befahrung des Orinoco nach eingetretener Ruhe vorlesen.

Schon lange war der Punsch geleert, die heißen Köpfe ließen sich nur mit immer mehr Bier kühlen und auch der Ingwerschnaps beflügelte zur vorgerückten Stunde das Thema. Planungszeiten, Logistik, Kosten und Aufwand wurden großzügig verdrängt, nachlässig überschlagen und Einwände übertönt. „Werner war doch siebzehn Jahre in Brasilien und fliegt noch heute ständig durch Lateinamerika, den müßten wir doch scharf machen" schaltete sich Pitt ein. „Nee, der will doch auf den Connecticut River, durch die grünen Berge von Vermont, New Hampshire „on port" und durch Massechusetts." „Der Dicke war doch irgendwo in Australien rudern." „Vielleicht als Känguruh auf Eins!" klärte Hans den Sachverhalt, sich den Dicken in seiner Eigenart vorstellend. Klaus Paul befand sich bereits am Nil. Wer einmal von den Wassern des Nils trank, kehrt zurück! „Warum nicht in Assuan hinter dem ersten Katarakt einsetzen und ab geht es? Backbord die lybische Wüste, steuerbord hinter uns die nubische und voraus der Leuchtturm von Alexandria oder was da noch von übrig ist." „Und in Theben lassen wir in der „Bar zum Krokodil" auf Kosten von Potifah anschreiben." „Anschließend rudern wir dann noch für vier Tage zum Schwarzen Walfisch von Askalon und spülen uns den Staub Babyloniens von der Zunge." Als sich das Gelächter etwas beruhigt hatte, meinte Pitt, eine Mark-Twain-Gedächtnisfahrt auf dem Mississippi-Missouri vorschlagen zu müssen.

Er wollte Huckleberry Fin heißen, Bernd empfahl sich als Tom und der Rest hatte den Jim zu übernehmen, „aber wo bekommen wir Becky Thatcher her?"

Doch auch diese Fahrt vom Gateaway-Arch in Saint-Louis zur Bourbon-Street in New Orleans wurde verworfen, und es bildete sich eine dreistimmige Einigkeit zwischen Pitt, Klaus-Paul und Wolfgang für den Jangtsekiang oder wie Dieter ihn aussprach, als er das Stichwort gab „Changjiang"! Auf einem Schlag von Wanxian nach Yichang durch die drei Schluchten, den majestätischen Naturwundern Qutang, Wu und Xiling mit einem 50-km-Abstecher in den Daning wäre ein Knalleffekt. Empfinden wie Li Bai: „Schillernde Wolken in Nebel gehüllt - auf reißendem Strom durch Berglabyrinth." „Aber die Krönung wären die 85 km auf dem Lijiang von Guilin bis Yangshuo - gemächlich treiben auf dem kristallklaren Wasser zwischen bizarren Kalksteinfelsen mit deutschem Lizenzbier aus Wuhan."

Doch ehe das Fernweh übermächtig, Haus und Hof versetzt, wie auch Weib und Kind vergessen wurden, mahnte die innere unbarmherzige Stimme des Philisters, sich die Pläne zu überschlafen und nach Hause zu gehen. Doch auf dem Heimweg flach am klaren Winterhimmel stand Mars und als die Acht genau hinsahen und sich das linke Auge zuhielten, konnten sie deutlich erkennen, daß seine Kanäle mit Wasser gefüllt waren und zum Rudern einluden.

 

Veröffentlich 1988 im Rudersport