Quer durch Berlin Ein Stammtischreport von Klaus Niemsch, Berlin

Die Herausforderung lag in Form eines einladenden Rundschreibens des Landesverbands auf der Theke. Daß sie eintreffen würde, hat er gewußt, sie täglich erwartet, war sie doch seit dem Herbst des Vorjahres Dauerthema der Ruderabende. „Quer durch Berlin", eine Langstreckenregatta über die Entfernung einer guten preußischen Landmeile von der Kongreßhalle zur Jungfernheide stand hier nicht zur Diskussion, um den Lorbeer des Sieges entgegenzunehmen, sondern um das Selbstwertgefühl seines sonst rennsportlich unbedeutendem Wanderrudervereins zu bestätigen. Es sollte Flagge gezeigt werden.

Er hatte die Aufgabe übernommen, die Mannschaft an die Leistungsprobe heranzuführen, ihnen durch seine Ruhe, Ausgeglichenheit und altersbedingte Reife die innere Festigkeit zu geben und sie gegen die Lästerer und Ignoranten abzuschirmen.

Seine Chancen standen nicht schlecht. Wie bei vielen kleinen Gemeinschaften, ziehen, wenn der Entschluß gefaßt ist, alle am gleichen Strick, Abend für Abend wurden an der Bar des Clubhauses Vorschläge jeglicher Art gegeneinander gewogen, Strategie und Taktik diskutiert und das Beste bereitgestellt. Der August war der einschneidende Monat. Den Doppelvierer und einziges C-Boot in der Halle ließ er staubfrei lackieren, die Rollsitze reparieren, die Laufschienen erneuern und die Dollen gegen gewichtsparende aus Kunststoff austauschen. Anschließend wurde das Boot nur noch für Trainingsfahrten freigegeben. Die Mannschaft, seine „Gruppe über 40", war rennerfahren und lediglich etwas welk. Nach dem Debakel vor zwei Jahren wollte er sie zunächst seelisch aufbauen, dann die Kanten schleifen. Ihnen das Gefühl der Harmonie geben und am Stichtag würde dann das Ballett antreten. Im vorigen Herbst hatte die Mannschaft auf der Schloßbrücke in Charlottenburg gestanden und der Reihe der wettkämpfenden Boote zugesehen. Jeder hatte spätestens damals mit einem Kloß im Hals für sich den Entschluß gefaßt, beim nächsten Mal wieder dabei sein zu wollen, bis dahin ein christliches Leben zu führen und die letzten Wochen dem ausstehenden Rennen zu widmen.

Der Wille war vorhanden. Die Mannschaft aus der Zeit als noch die Boote aus Holz und die Ruderer aus Eisen waren hatten ihm und den Kameraden wiederum an der Bar in die Hand versprochen, sich ab August zu beschränken. Pitt, sonst mit dem Durst eines Zwölf-Zylinders ausgestattet, ging ins Trockendock, Manne, sonst wie ein Eisbrecher rauchend, reduzierte die Tagesmenge auf die Dienstzeit, Bernd wollte sich in die Schweigsamkeit eines Trappisten fügen und Dieter, er wollte eher mit Verstopfung fahren, als daß ihm erneut die Geschichte mit dem Durchfall passieren würde.

Als der Kriegsrat tagte, war es ihm gelungen, die Sitzordnung im Boot zu ändern. In der früheren Formation - Bernd auf eins und Dieter auf Schlag, fand die Mannschaft nicht zu ihrer Gleichmäßigkeit - zu ihrem Einklang. Beide kannten sich seit zwanzig Jahren wie Hemd und Hose aus einer Doppelzweier-Mannschaft, doch gelang es nie, ihr fast telepathisches Einverständnis auf den Rest der Gruppe zu übertragen. So hatte zwei und drei stets das Gefühl, bedrängt zu werden und waren durch Blattdeckung und Schlaglänge irritiert. Wenn somit schon zwei Zweier in einem Boot saßen, dann sollten sie auch beisammensitzen. Die Feinabstimmung würde sich dann während des Trainings finden. So hatte er argumentiert und hier zeigte sich wiederum das Gewicht seines Wortes: man war seinem Vorschlag gefolgt.

Mit der Taktik hatte er altbewährtes im Sinn. Sie schien ihm fast zu einfach, doch war sich die Diskussionsrunde auch hier einig, die Dinge nicht komplizierter zu sehen als sie offensichtlich lagen. Wenn er im Training regelmäßig acht Kilometer volle Kraft durchfahren und andere Boote durch Intervallspurts überholen ließ, würde die so aufgearbeitete Kondition alle Male ausreichen. Das Kampfgewicht der Crew von einer guten halben Tonne wollte er durch die Neuwahl eines geeigneten Steuermannes herabsetzen. Wolfgang steuerte zwar letztlich Idealkurs und bremste in „Monte-Carlo-Manier" die Mitstreiter aus, doch seine 64 Kilo waren äußerst hinderlich. Nein, hier mußte ein Jugendlicher her, der zumal leichter war und so auch Rennerfahrungen sammeln konnte. Während des Trainings wollte er selbst das Steuer führen, so daß dann beizeiten das Boot, um hundert Kilo erleichtert, katapultartig vorschnellen mußte. Er atmete durch, füllte eilig die wenigen Zeilen des Meldebogens aus, und sandte ihn unverzüglich zurück. Entsprechend den Planungsvorgaben, baute sich die Mannschaft auf, verfestigte ihren eisernen Willen, die endlos scheinende gummilange Strecke in Siegeszeit zu bezwingen. Seine stets mitlaufende Stoppuhr bewies ihm, daß verglichen mit den Einlaufzeiten der Sieger vorjähriger Wettkämpfe, der Lorbeer in greifbarer - ja sicherer - Nähe lag und die ihm vertrauende Mannschaft seine Gewißheit zum Ansporn nahm. „Quer durch Berlin" lief. Er stand mit der hilflosen Einsamkeit eines Trainers in der Jungfernheide und versuchte sich auf sein Boot, seine Mannschaft auf der Spree, irgendwo zwischen Gotzkowski- und Schloßbrücke zu konzentrieren. Bei ihnen war er, spürte an seinem Herzschlag den Takt des Schlagmannes, fühlte den energiegeladenen Einsatz und das entleerende kräftezehrende Durchziehen. Sie kamen! Er erkannte sie an der sauberen Wasserarbeit, der nahezu fototechnischen Blattdeckung, an der Identität ihrer Bewegungsabläufe bis hin zum Anspannen der Nackenmuskulatur. Ein klassisches Quartett der Harmonie mit der Steigerungsfähigkeit eines ravelschen Boleros. Das Megaphon verkündete ihm die Wahrheit! Die Zeit reichte nicht aus, weder für den Sieg noch für eine Plazierung, doch nur wenige Sekunden hätten zum vorletzten Einlauf genügt. Im Unterbewußtsein des nun einsetzenden Vakuums der psychischen Leere vernahm er nur undeutlich den ungewöhnlichen Kommentar der blechernen unbekannten Stimme, daß sein Boot zwar als das Langsamste eingetroffen sei, doch den brillantesten Stil noch in der Phase der Erschöpfung gezeigt hätte.

Er saß wieder im Kreis seiner Mannschaft und Kameraden an der Bar des Clubhauses, ließ eine weitere Freirunde einläuten und nahm das wohltuende wärmende Vertrauen aller entgegen. Die kommenden Winterabende wollten sie nun gemeinsam nutzen, um eine längerfristige Strategie in zeitzehrenden Diskussionen zu entwickeln, um sie dann im übernächsten Jahr mit ihm und seiner eisernen Mannschaft in die Tat umzusetzen.

Veröffentlich 1987 im Rudersport