Flora und Fauna von Klaus Niemsch, München

Es gibt lange und kurze Kilometer. Im Kanal oder durch den Hafen bis zum heimatlichen Steg können sie sogar endlos sein. Diesmal lagen für die Ruderwoche dreihundertfünfzig vor ihnen, doch nur ein Siebentel davon war vielleicht von Langerweile. Was hatte Manne geplant: Die Havel aufwärts durch Spandau zur Spreemündung, auf dieser weiter, dann in den Landwehrkanal hinein und hinter der Oberbaumbrücke zurück in die Spree. Auf ihr flott aufwärts nach Köpenick an Grünau vorbei die Dahme hoch bis zum Gehtnichtmehr bei Märkisch-Buchholz. Der Umflutkanal zum Köthener See bringt den erneuten Einstieg zu der aus dem Spreewald abfließenden Namensgeberin und dann geht es eigentlich nur mehr geradeaus auf ihr nach Hause.

Doch „denkste", sagte Manne, „Irrtum" wohl wissend, daß diese sich durch die südöstliche Mark Brandenburg nach allen Himmelsrichtungen wie ein geseifter Aal windet, den Neuendorfer See und Schwielochsee durchfließt, sich dann bis Drahendorf zum Oder-Spree-Kanal schummelt, um sich hinter Fürstenwalde als Müggelspree erneut zu verselbständigen. Am Dämeritzsee lockt aber der Umweg über den Flakensee in die Löcknitz zum Werlsee, Peetz- und Möllensee. Wieder zurück gilt es schließlich den Müggelsee zu queren, um dann hinter Treptow dem Teltowkanal zu folgen, den Anschluß an die Havelseen bei Kohlhasenbrück zu finden und endlich stromauf den lieblichsten aller Bootsstege im Schatten der Weiden an der vertrauten Landzunge am Ostufer anzusteuern.

Es war im Mai, die Sonne brannte, ein frischer Ostwind schaffte Linderung, der Rücken des Vordermannes färbte sich während der Tage von schweinchenrosa nach blätterteigbraun und in der Monotonie des Ziehens und Ro1lens ließ Klaus-Paul seine Seele baumeln.

Die Mark ist arm und dünnbesiedelt. Alle zieht es von hier fort und doch kommen die Städter am Wochenende zurück. Sind es die ruhigen Seen, die verträumten Kanäle, grünen Auen, silbernen Roggenfelder und die kargen Kiefern- und Eichenwälder, der spröde Charme staubiger Dörfer mit ihren klobigen Klinkerkirchen, die schattenspendenden verschlafenen Schleusen, die ernsten bedächtigen Bauern, die sorbischen, slawisch fröhlichen Spreewälderinnen oder ist es einfach alles zusammen?

Klaus Paul schaltet ab und stellt erschrocken fest, wie wenig er noch von Flora und Fauna an Fluß und See weiß. Er sieht sie jetzt wieder, die Uferschwalben, Blau- und Braunkehlchen, Stare, Beutelmeisen, Bachstelzen, Störche und Fischreiher, den Aronstab, Bärenlauch und Springkraut, Schwarzpappel, Silberpappel, Zitterpappel. Plötze, Barsch und Rotfeder sowie die räuberische Fischotter.

In Prieros auf dem Steg, als sie auf die Soljanka als gewohnte Vorsuppe warteten, als sich das Glührot der untergehenden Sonne und dann das Silberlicht des Mondes in dem See spiegelte, als die Fische schnalzten und sprangen, die harmlosen Zuckmücken in großen Säulen ihre munteren Tänze aufführten, war es so richtig schön. Einfach nur schön! Dann aber traf Klaus Pauls Ohr ein wohlbekanntes leises, sirrendes Singen, und schon verspürte er das lästige Jucken, schwoll der rote Stich, den der eingespritzte Mückenspeichel verursachte und eigentlich nur das Gerinnen des Blutes verhinderte, während die feingliedrige Stechmücke tankte. Lautlos flog sie ihn an, unspürbar ließ sie sich auf dem Ohr nieder, unbemerkt drangen ihre vier hauchzarten und biegsamen Stechborsten in seine Haut. Und immer sind es nur die Weibchen, die ihn überfallen. Die Mückenmännchen sind harmlose Nektarnascher. Er erkennt sie leicht an den sehr buschig behaarten Fühlern. Bewunderswert wie sie nach Einbruch der Dunkelheit sicher und flott von den Fledermäusen gejagt werden.

Doch welche ist es? Der rötlichbraune Abendsegler, die zierliche Wasserfledermaus oder gar das große gesellige Mausohr. Vielleicht auch nur die kleine, den Menschen nicht fürchtende Zwergfledermaus.

In den Spreewald hinein kommen sie mit ihren Booten nicht, da selbst die Hauptspree zu schmal ist und überhängende Äste, Bäume und verkrautetes Ufer ein Rudern unmöglich machen. So wenden sie bei der ersten Schleuse zwischen Leipsch und Schlepzig. Trotz des hier nur schwachen Gefälles lassen sie sich treiben. Welch eine bunte Geselligkeit auf dem Wasser. Die azurblauen Libellenmännchen der gemeinen Seejungfern rasten auf den Dollen und zahlreiche Schmetterlinge haben sich dem Leben am Wasser angepaßt. Zünsler, Wickler oder nachtaktive Eulen sind artenreiche Familien und beleben in ihrer Vielfalt das Geschehen am Ufer. Über das Volk der Wasserwanzen ist Klaus Pauls Wissen nur dürftig: Daß sie in der Gestalt oft von einander abweichen, aber alle ihren Rüssel nach unten oder eingeschlagen tragen, umherschweifende kleine Räuber sind und bei Gefahr zwei bauchwärts am Hinterleib mündende Stinkdrüsen in Funktion setzen. Und siehe, es gibt sogar Ruderwanzen: Zwölf Millimeter lang, oberseits schwarzgrün, unterseits gelb, speichert ihren Luftvorrat unter den Deckflügeln und fliegt in den Sommernächten von Ufer zu Ufer.

Und ihre Feinde? Natürlich die braunen und grünen Quaker. Das Männchen des Wasserfrosches stülpt munter seine zwei weißlichen Schallblasen aus und singt ununterbrochen die ganze Nacht. Sein Rücken ist grasgrün bis hellbraun, doch ziert ihn vom goldberingten Auge bis zum Hinterbein eine gelbe Drüsenleiste. Sein halb so großer Verwandter, der Moorfrosch, als stürmischer Liebhaber bekannt, treibt sich nach der Laichzeit am sumpfigen Ufer oder in verlandeten Totarmen und Auwäldern herum, wenn er nicht vom Schwarzen Milan erwischt wird. Kleiner als sein roter Vetter, dem eigentlichen Wappenvogel Brandenburgs, ist er dem Wasser mehr zugetan und gaukelt gern über dem Fluß, baut seinen Horst am liebsten auf Strominseln, und zwar auf halber Baumhöhe zwischen Stamm und Ast und brütet gerade zur Wanderruderzeit Anfang Mai.

Den Köthener See umgibt ein dichter Schilfgürtel. Das stimmt zwar nicht ganz, auch wenn das Schilf als größtes einheimisches Gras am augenfälligsten ist. Doch sind auch der breitblättrige und schmalblättrige Rohrkolben nicht zu übersehen wie auch Glanzgras, Kalmus und Igelkolben. Unaufhaltsam erhöhen sie den Schlammgrund, so daß sich zwischen ihnen auch blühende Pflanzen wie Wasserschierling, Baldrian, Sumpfdotterblume und Wasserschwertlilie ansiedeln. Akrobatisch geschickt rutschen und klettern die braunen Rohrsänger an den Halmen hinauf und hinab und singen stimmungsvolle Liebes- und Wasserlieder, während ihnen die Rallen neben Sumpf- und Wasserhühnern lauschen. Nur die farbenprächtigen Taucher tummeln sich desinteressiert, während schleichend, wie die Rohrdommel, der Reiher mit gesenktem Kopf und gekrümmtem Hals durch das seichte Wasser steigt. Sein Horst steht in hohen Bäumen, die vom Kot wie gekalkt aussehen.

Die Drahendorfer Spree ist eng und mäandert gemächlich daher. Sie ist nur wenig befahren und gerade die üppige Wasserpflanzenwelt schützt sie vor unruhigen Motorbooten. Die amphibienhaften Wasserpflanzen mit ihren zarten Tauch-und derben Luftblättern bestimmen das Bild. Wasserknöterich, Pfeilkraut und Wasserhahnfluß heißen sie. Die Seerosenblüte ist weiß, die der Teichrose leuchtet dottergelb. Auf der Blattoberseite der Schwimmblätter haben sie Atemporen und durch zahlreiche Luftkanäle im Blattstengel leiten sie die Luft zu dem im Schlamm steckenden Wurzelstock. Nur das Laichkraul blüht unter Wasser. Die Wasserpest, vor hundertfünfzig Jahren aus Nordamerika eingeschleppt, ist noch selten anzutreffen und behindert kaum das zügige Rudern.

Ihm geht die letzte offizielle Statistik für den Spreewald durch den Kopf und er repetiert: 135 Brutvogelarten soll er haben denen 226 Arten Käfer, 732 Arten Falter, 10 Arten Hummeln und 44 Arten Libellen als Futter dienen. 33 Arten Fische, 45 Arten Säuger und 1175 Arten des Pflanzenreiches haben ihren weiteren Platz im Revier.

In diesem Dorado also erfreuen sich Rüsselkrebs und Wasserassel, Fliegenlarve und Wasserfloh, Pferdeegel und Schlammschnecke, Napfschnecke und Springschwanz ungetrübten Daseins.

Und Klaus Paul ruderte mechanisch weiter, zog, stieß, rollte und freute sich mit ihnen allen.

 

Veröffentlich 1987 im Rudersport