Die alten Bootshäuser Eine Betrachtung von Klaus Niemsch, Berlin

„Erinnert Ihr Euch noch an unser altes Bootshaus, so was findet Ihr heute nur noch selten, das stirbt langsam aus. Wenn wir sagten, ich gehe noch zum Bootshaus, meinten wir den Gang zu den Freunden, zum Sport, später zu Geselligkeit, Ausgleich und Entspannung, eben zum Verein." Die alten Bootshäuser riechen, atmen, leben. Sie sind auf morschen Pfählen gegründet, aus Brettern errichtet, ihr flachgiebelieges Dach ist mit Teerpappe gedichtet, und der Grundriß ist ein Spiegelbild der Vereinsgeschichte. Man findet sie hinter Schilf mit der Front der Bootshalle zum Ufer hin ausgerichtet meist am Ende eines Trampelpfades, für Autos schlecht zugänglich. Da ein Abriß nicht erforderlich war, wird es vom neuen mondänen Clubgebäude an den Rand des kürzlich erweiterten Grundstücks gedrückt. Das neue Gelände läßt es hinter halbwilden Fliederhecken verschwinden und degradiert es zum Schuppen für abgewrackte Boote, alte Gartenstühle oder zum Ausweichquartier für widerwillig aufgenommene Wanderbrüder.

Die alten Bootshäuser riechen; ja sie haben ihre eigene charakteristische Ausdünstung. „Ihr könnt mir die Augen verbinden, mich um den Globus rudern und wenn Ihr mich in unser Bootshaus stellt, werde ich Euch sagen, wo ich bin!"

Hier riecht es nach harzigem Holz, verblichener Ölfarbe, Teer und Dollenschmiere. Auch nach dem Heizöl, das kürzlich den brüchigen Kanonenofen ersetzte. Die verlassene Stimmung wird durch Garderobenschränke aus Maschendraht bestehend ungelüftet wirken, doch wird es die Feuchtigkeit der Luft sein, die dem Holz den Atem verleiht. Die Sommersonne bleichte es, saugte es trocken und ließ es reißen, so daß der Herbstnebel erneut in die alten und spröden Poren eindringen kann, um neue Duftstoffe zu erzeugen, zu lösen und auszuschwitzen. „Gewiß riecht es, da die Sickergrube versandet ist, auch zeitweise nach Latrine, - aber das ist nur nach dem Sommerfest der Fall."

Die Türen klemmen im Rahmen, lassen sich nur mit einem derben Schulterstoß öffnen, und durch die verzogene Zarge zieht der Wind. Auch das Schloß hängt und der rostige Bart des Schlüssels ist rundgeschliffen.

Die breiten knarrenden Dielen sind aus billigem Fichtenholz, von unzähligen Füßen ausgetreten, vielleicht unter brüchigem Linoleum versteckt, und in den geweiteten Rissen siedelt sich der Staub an, nur noch beim eiligen Schritt kurz aufwirbelnd, in der Nase beißend. „Unser altes Bootshaus haben wir nicht gebaut. Es wurde geboren und ist mit den Jahren gewachsen."

Zwar zunächst nur ein Schuppen für die zwei Boote der begeisterten Gründerschar, war er doch die Mutterzelle, ähnlich der wehrhaften Klause einer Klostergründung. Er wurde mit Goldmark bezahlt und war Eigentum. Die goldenen zwanziger Jahre sind an dem Nissenhüttenanbau abzulesen, und die anschließende Inflation plünderte die Bundeslade derart, daß aus dem geplanten einstöckigen Neubau nur eine verträumte Veranda wurde.

„Unsere Liebeslaube erfüllte durchaus ihren Zweck - stiftete Freundschaften und Ehen und gab kühlen Frieden im atemnehmenden Trubel der Feste."

Die Szene ist Bestandteil der Chronik: Die Damen keß, ein wenig frivol wie heute, trotzdem nicht mittelpunktsuchend, unaufdringlich, - die jungen Herren im zu knappen Sakko wie heute, aber mit der fließenden Muskulatur griechischer Ideale, ohne die überströmende protzende Kraft heutiger Rudermaschinen.

Der winterliche Frost und das alljährliche Hochwasser nagten mit wiederkehrender Regelmäßigkeit am Fundament und hinterließen den bleibenden Geruch nach Moder, Verfall und Fäulnis.

„Um den aufstrebenden Rudererfolg zu sichern, brauchten wir eine Heizung und zeitgemäße sanitäre Einrichtungen. Dem Nachwuchs muß was geboten werden, sie sollen sich wie zu Hause fühlen!"

Das aufgesetzte Stockwerk zeigt den Ballsaal mit der Americain-Polyester-Bar sowie das Clubzimmer für Alte Herren mit dem Blick durch die entspiegelte Glasfensterfront auf Terrasse, Bootspark und See oder rückwärts auf Pokale und Trophäen. Klimatisiert und durchlüftet, gelackt und gebohnert finden alle Neigungsgruppen ihren Bereich zur individuellen Entfaltung. Doch übernachtet wird zu Hause. Imbiß und Bier bringt die Bewirtschaftung, und zum repräsentativen Sommerfest wird in den lokalen Kulturpalast gebeten.

Die neuen Häuser riechen nicht, weil sie nicht atmen dürfen, und so werden sie uns auch wenig erzählen können. Der geflieste Estrich, das kunststoffbeschichtete Fournier scheinen stumm und kraftlos. In überheblicher Selbstgefälligkeit, in dem Anspruch, die Ewigkeit zu überdauern, wirken sie gleichgültig steril, gefühllos und kühl. „Doch wißt Ihr, es ist keine schwermütige Sehnsucht nach Erlebtem und Vergangenem, Bildern alter Tage, sondern bei unseren alten Bootshäusern ist es die Wärme ihrer Ausstrahlung, die die Erinnerung so wohlig macht."

Veröffentlich 1987 im Rudersport