Ein Bericht einer Wanderfahrtentagesetappe -

ratet mal von wem geschrieben und von welcher Strecke hier die Rede ist.

Neulich habe ich mal wieder gerudert und darüber soll ich berichten, sagt unser Vorsteher. Also rudern tu ich ja schon mein ganzes Leben lang, sei es zu Hause, in der Schule oder im Beruf. Aber nicht darüber soll ich berichten, hat er gesagt, sondern über unser gemeinsames Wanderrudern. Also tue ich das, wie mir befohlen, und erstatte hiermit meinen Bericht zwar nicht an die Akademie (Franz Kaffka) sondern an meine verehrten Connection-brothes and -sisters and so on, wie wir Amerikaner sagen würden.

Unheimlich geschickt, wie ich wieder eingeflochten habe, dass ich kürzlich einen USA-Trip gemacht habe, oder? Also darüber könnte ich ja viel erzählen, aber das ist ein anderes Thema. Obwohl, mein Vorsteher hat gesagt, worüber ich schreibe, sei letztlich egal. Doch wer handelt sich schon gerne den Vorwurf ein, er habe das Thema verfehlt.

Also zurück zum Wanderrudern neulich. Neulich sage ich deshalb, weil alles, was länger als 5 Tage zurückliegt, für mich schon immer neulich gewesen ist. Das hat schon mein Geschichtspauker stets bemängelt und mir mit schöner Regelmässigkeit eine 5 verpasst, wenn ich z.B. auf seine Frage, wann Alfred der Kurzhalsige seine Schlacht bei Weiss-ich-nicht verlor, antwortete:  ... na ja, neulich, äh ... usw ...

aber zurück zum Thema. Rudern, das ist, wie Bundesbruder Klaus immer sagt, jene lächerliche Bewegung, bei der man sich in der einen Richtung bewegt, um in die andere Richtung voranzukommen. Wanderrudern wiederum ist die Unterform des Ruderns, bei der man sich einen möglichst schnell fliessenden Fluss aussucht, auf dem man sich sodann möglichst gemächlich abwärts treiben lässt.

War diesmal aber nichts mit dem schnell fliessenden Fluss. In einschlägigen Reiseführern wird besagtes Gewässer nämlich wie folgt gekennzeichnet: "Kein wilder Strom, sondern ein sanftes Gewässer trägt den Wassersportler gemächlich zu Tal".

Und dann waren da auch noch diese Untermenschen, die schon frühmorgens nach Kilometerleistung schrieen. Was schliessen wir also daraus? Es wurde nicht wandergerudert, sondern wenn es hoch kommt gerudert. Ausgenommen von dieser Feststellung ist natürlich die lebensfrohe Stammbesatzung der "Mügg". Das Schiff mit dieser Besatzung erhielt den Beinamen Gorch Fock, womit wohl alles wesentliche über deren Ruderleistung gesagt worden ist. Die Burschen haben offensichtlich versucht, zu segeln statt zu rudern.

Aber ich weiche schon wieder vom Thema ab. Wir haben also gerudert in der Himmelfahrtswoche 1987, in der die Mannen der ARG bekanntermassen nach geheiligter Sitte Ausgang von Muttern haben, um auch den Vatertag in althergebrachter Weise zu verbringen. Denn bei uns in der ARG gibt es noch rechte Männer, die an Vatertag nicht den Kinderwagen schieben müssen, was ansonsten allgemeine Unsitte geworden ist, sondern sich nach Altvätersitte in fröhliche und zum Teil auch feuchte Urständ begeben.

Und wo sind wir gerudert? Auf jenem Strom, den Deutschnationale stolz als einzig rein deutschen Strom für sich reklamieren. Jener Strom also, von dem deutsches Gemüt in Versform berichtet, dass er aus einem harmlosen Kuss von zwei anderen Flüssen entsteht. Im übrigen, wenn die Verse zutreffen, der klassische Fall einer unbefleckten Empfängnis. Es fragt sich nur, wer hier Männlein und Weiblein war. Die Werra oder die Fulda? Hierüber sollten Deutschlands Geographen einmal nachdenken. Vielleicht bietet sich das Thema auch für eine Dissertation an.

Eigentlich wäre damit alles Wesentliche über die diesjährige Wanderruderfahrt berichtet, zumindest global betrachtet, aber irgendwie sollte ich vielleicht doch noch ins Detail gehen und über einen Tag dieser Fahrt berichten. Dies aber werde ich nicht in der Weise tun, dass ich erzähle, wo wir abgefahren und wo wir angekommen sind und wie viele Kilometer wir gerudert sind, nein ich werde der mir zueigenen und dem geneigten Leser wohlbekannten hochpräzisen Weise berichten, was wir an besagtem Tage gesehen haben.

Begonnen haben wir unsere Fahrt in einem Ort, woselbst ein deutscher Dichter, der heute noch ständig in aller Munde geführt wird, als Bibliothekar tätig war. Seine bekanntesten Verse werden allerdings nur von Randgruppe der Republik vollständig zu Gehör gebracht. Anständige "Wessis" und Berliner begnügen sich mit dem dritten Vers. Wem diese Hinweise nicht genügen, dem sage ich nur: "Der Mann gehörte zum deutschen Bagatelladel."

Unsere Fahrt führte uns vorbei an manch' lieblichem Städtchen und an grossen, geschlossenen Mittelgebirgswäldern, deren Anblick dem deutschen Gemüte bekanntlich so lieb ist. Im Reiseführer heisst es hierzu (verkürzt wiedergegeben): "Dies ist eines der grössten deutschen Waldgebiete, das zusammen mit einem anderen Mittelgebirge einen 500 qm grossen Naturpark bildet. In der Einsamkeit seiner Forsten fühlt sich das Waldgetier geborgen, der Wanderer erlebt unberührte Natur und erspäht manch schönen Vierbeiner". Alles schön und gut, aber wir waren Wanderruderer und deshalb spähten wir auch nicht nach schönen Vierbeinern, sondern wenn es hoch kam, nach schönen Zweibeinern. Doch lassen wir das ..., denn viele Erfolge des Spähens sind nicht zu vermelden. Die schönen Zweibeiner waren vielleicht gerade zum Wanderrudern in Berlin.

Unsere Fahrt führte uns vorbei an einem Jagdschloss, hoch über der Weser, und zwar so hoch, dass wir es vom Fluss aus nicht sehen konnten. Hier ward uns verkündet, dass von dort ein weisses Gold kommt, das in aller Welt hoch gerühmt wird. Unser Wanderruderfahrt-Animatuer plädierte eindringlich für eine Besichtigung der dortigen Produktionsstätten. Die "Mannen" aber waren - aus welchen Gründen auch immer - nicht bereit, für "unnütze" Besichtigungen auf geplante Kilometerleistung zu verzichten, also befahlen die Steuerleute: Nase ins Boot, über Kiel schwingen und die Schiffe laufen lassen! So ward erneut eine Chance zur Weiterbildung vertan!

Sodann durchquerten wir - zu Flusse, versteht sich - ein weiteres liebliches Städtchen, welch selbiges lt. Hörensagen durch seine künstliche Riech- und Aromastoffe bekannt geworden sein soll. Hier soll im 19. Jahrhundert das Vanillin, das künstliche Vanillearoma, entdeckt worden sein. Vielleicht spielt ja hier auch die Geschichte von Patrick Süskind ,Das Parfüm, jene in ARG'er-Kreisen so hoch gerühmte Geschichte von dem Mann, der den Duft lieblicher Mädchen auf Flaschen zog.

Zur Mittagsrast landeten wir in einem Ort, der wiederum bekannt ist durch einen in Deutschland wohlbekannten Adligen. Der Reiseführer berichtet über ihn: "Als Kornett in russischen Diensten nahm er an den Türkenkriegen und später an den Auseinandersetzungen mit den Schweden teil. Verschiedentlich ausgezeichnet, kehrte er 30-jährig als Rittmeister heim, um sich eines Gutes anzunehmen. Nun begann die Zeit, in der er bei einer guten Pfeife und einem anregenden Punsch dem engsten und begeisterten Freundeskreis seine phantastischen Geschichten erzählte".

Der Ort wirkte auf uns ungeheuer inspirierend. Obwohl zunächst nur eine Pause von 1/2 Stunde eingeplant war, wurden letztlich 1,5 Stunden daraus - verbracht zwar nicht mit Punsch, aber mit viel Bier, Schorle und Gebirgen von Eis. Gegessen wurde auch! Und wie das so ist, wenn der genius loci spürbar wird, wurden auch unsere Erzählungen immer phantastischer - aber das ist ja gerade das Schöne an den Wanderruderfahrten: jeder kann sagen, was er will; es hört sowieso keiner hin!

Unser Rudertagwerk haben wir beendet in einer berühmten Stadt, die jedem Kenner der deutschen Sagenwelt wohlbekannt ist. Daselbst tauchte vor Urzeiten ein Entertainer auf, der eine so "heisse Kanne" blies, dass die gesamte Jugend des Ortes aus dem Häuschen geriet, worauf sie ihm - ohne Nachzudenken - auf einen "irren Trip" folgte, von dem sie nie zurückgekehrt sind. Drei Rudermannen erfasste ob dieses Tatbestandes ein so gewaltiges Grauen, dass sie sich - nur mässig gewaschen - sofort in ein Auto schwangen, um heimwärts in ihre Ostkolonie zu fahren. Auch ich gehörte dazu und kann deshalb über besagten Ort nichts Näheres berichten.

So liebe Freunde! Und nun ratet einmal, welche Tagesetappe ich vorstehend beschrieben habe. Unter den Einsendern der richtigen Lösung wird ohne notarieller Aufsicht eine Lage des Verfassers ausgelost. Von der Teilnahme an diesem Spiele sind allerdings ausgeschlossen die Mitglieder der ARG und deren Angehörige.

 

Soweit der Bericht der Tagesetappe einer schönen Wanderfahrt. Leider ist in diesem Jahr keine komplette Chronik zustande gekommen - daher hier auf dieser Seite die Premiere dazu. Leider ist die ausgelobte Lage inzwischen verjährt - aber trotzdem: Habt Ihr alles erkannt?