Impressionen einer Ruderfahrt im Herbst

Montag - Urlaub - schönstes Wetter -

- also ab ins Boot.

Die Zeit war zu kurz um eine Mannschaft zusammen zu bekommen. Nach stressigen Wochen im Beruf war es auch gut sich im Einer auszuarbeiten, den Kopf frei zu machen, frei zu rudern. Still war es im Bootshaus, wo sonst die üblichen Fahrten zusammen mit Ruderkameraden oft lautstark starten machte ich unseren Einer fertig für die vor mir liegenden Kilometer. Zwei Bananen (was beim Tennis gut ist sollte auch für's Rudern reichen) und ein Liter Wasser als vorsorgliche Stärkung für Unterwegs. Ein paar Kilometer sollten es werden, nicht allzu weit. Schnell war das leichte Boot im Wasser, die paar Sachen verstaut, den Fotoapparat wasserdicht verpackt, die herbstliche Havel versprach einige Motive, und ab ging es in Richtung Süden.
Gemuend
Turm Nach 800m war das Gemünd erreicht, nix los auf der Havel und damit Zeit den Fotoapparat aus dem wasserdichten Sack auszubuddeln und in Richtung Freybrücke das erste Bild zu machen. Unser Bootshaus ist nur zu erahnen, vor der Brücke rechts, etwas zugewachsen durch die Weide auf der Spitze der Halbinsel. Leichter Wind von Süd-Ost, also Gegenwind, gut bei der geplanten Ruderrichtung. Gleichmäßig versuche ich den Schlag zu halten, das GPS-Gerät zeigt mir 8 - 9 kmh. Schnurgerade kann ich meinen Kurs halten, nur selten brauche ich mich umzusehen, halte meinen Kurs mit Peilung über's Heck. Es sind kaum andere Boote auf dem Wasser, zwei oder drei kleinere Motorboote und kein Ausflugsverkehr, keine Berufsschiffahrt. Langsam komme ich auf Betriebstemperatur, beim Ablegen war es im Schatten der Bäume doch etwas kühl, schließlich haben wir Ende Oktober.
Auch an Lindwerder liegen nur noch ein paar Segelboote im Wasser - die meisten sind bereits an Land geholt. Der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisturm strahlt im Sonnenlicht. Eigentlich steht über dem Eingang: "Zum Gedächtnis an König Wilhelm", aber der wurde nun mal später Kaiser und so heisst denn auch dieses weit über die Havellandschaft sichtbares Bauwerk so. Richtig Spass macht es und ich beschliesse doch etwas weiter zu fahren als geplant. Also erst mal rüber nach Schwanwerder, die Wellen kommen jetzt etwas schräg von vorne - aber es sind eigentlich mehr Wellschen. Immer noch etwas über 8 kmh, gleichmässig und mit ruhiger Schlagzahl gleite ich über die Havel. Schwanwerder schaut im Gegenlicht dunkel zu mir herüber - kein Fotomotiv. Erst bei Erreichen der Spitze ist der Blick frei über die gut 2 km weite Wasserfläche des Wannsees. 8 km habe ich jetzt zurückgelegt und noch kein bisschen müde - also weiter. Insel
Insel2 Die lange Seefläche baut dann doch eine kurze Welle auf und automatisch steuere ich mein Boot auf Heckeshorn zu und in den Windschatten der Enge zwischen Pfaueninsel und dem Land um den Schäferberg. Eigentlich könnte ich diese grosse Insel umrunden. Über den Griebnitzsee, vorbei an Kohlhasenbrück, über den Kleinen Wannsee in den Grossen Wannsee. Aber dazu stärke ich mich erstmal mit einer Banane und geniesse den Blick zurück Richtung Kladow, links die Pfaueninsel, rechts etwas weiter zurück Kälberwerder. Noch ein Schluck Wasser und weiter geht's.
Vorbei an den Wirtschaftsgebäuden auf der Pfaueninsel und an der Fähre (mit eigenem Boot darf man ja hier nicht anlegen) ist der eine Kilometer enger Wasserstrasse schnell passiert. Bei den Lichtverhältnissen lohnt sich dann ein nochmaliger Halt vor der Süd-West-Spitze der Insel und ein Bild vom Schloss. Für den der es nicht kennt: es ist nicht im 2. Weltkrieg beschädigt worden, es ist als Ruine gebaut worden, das war damals eben schick und romantisch. Allemal lohnt sich eine Besichtigung. Das Schloss auf der Pfaueninsel ist eines der wenigen, die noch mit Original-Möbeln, -Täfelungen und -Tapeten zeigen kann. Seit 1794 ist hier die Einrichtung durch die Gräfin Lichtenau zu besichtigen. Sie selber durfte nie darin wohnen, der Tod Friedrich-Wilhelm II. fiel mit der Fertigstellung des Schlosses zusammen... Insel3
Bruecke ... und seine Erben waren seiner Geliebten nicht gerade wohl gesonnen. Bei einer Besichtigung dieser schönen Insel sollte man sich Zeit nehmen. Seit 1924 steht sie unter Naturschutz und viele alte Bäume sind durch ihre Grösse sehenswert, die Anlage wird gepflegt, die Wiesenflächen öffnen immer wieder den Blick auf einzelne Baumgruppen. Über 400 verschiedene Gehölze, darunter viele exotische, sind hier finden. Hier züchtete der Gärtner Fintelmann die Georgine oder besser unter dem Namen Dahlie bekannte Blume, von hier trat diese schöne Pflanze ihren Ruhmeszug um die ganze Welt an.Und das Schloss ist nicht das einzige Gebäude auf der Insel, es gibt einiges zu entdecken. 1804 erneuerte Friedrich-Wilhelm III. das allzu leicht gebaute Landhaus und ein Kavalierhaus wurde hinzugebaut. Eine Menagerie kam dann hinzu und ist auch heute noch sehenswert.
Breit wird die Havel jetzt wieder, vorbei an der kleinen Kirche Peter und Paul am an Backbord gelegenen Hang, vorbei am Ausflugslokal Blockhaus, an Nikolskoe wandert der Blick nach Steuerbord, zur Sacrower Heilandskirche. Im Stil einer römischen Basilika 1841-44 von Persius erbaut, mit einzeln stehendem Glockenturm. von dem wurden dann auch die ersten Versuche mit Radiowellen durchgeführt. Max Schmeling hat hier geheiratet. Den Kurs korrigiere ich jetzt fast in südliche Richtung, die Glienicker Brücke kommt in Sicht. Zu Zeiten der Trennung Deutschlands weltweit bekannt geworden durch spektakularen Austausch von Spionen. Auch wenn die Grenze seit über 10 Jahren gefallen ist kann man immer noch eine Teilung feststellen: Die Farbe auf der Berliner Hälfte ist eine andere als auf der Potsdamer. Aber der Verkehr flutet dessen ungeachtet zwischen Berlin und Potsdam hin und her. Bruecke2
Schloss Romantik und Moderne nach Passieren der Glienicker Brücke: im Vordergrund der Park des Schloss Glienicke und im Hintergrund der Turm für Richtfunk und Fernsehen auf dem Schäferberg. Hier wurden alle aus dem geteilten Berlin ausgehenden Telefonate gebündelt kabellos weitergeleitet und wohl auch alle von der Stasi abgehört und überwacht. Gut dass diese zeit vorbei ist, so muss ich auch jetzt nicht umkehren sondern kann weiter, Potsdam und Babelsberg an Steuerbord liegen lassend, in den Griebnitzsee einfahren. Der zieht sich, nach 20 km Fahrt ist der Abzweig in den Teltowkanal erreicht. Das Licht ist hart geworden und Bilder machen lohnt nicht mehr. Langsam spüre ich denn doch die hinter mir liegenden Kilometer, besonders an des Ruderers empfindlichster Stelle. eigentlich wollte ich ja nur eine kurze gemütliche fahrt unternehmen und nun sind es noch 16 km zurück zum Bootshaus. Der Steg des BRK Astoria gibt mir Gelegenheit mich zu strecken und recken. die zweite Banane ist jetzt fällig und nach 10 Minuten sitze ich wieder im Boot.
Viel gibt es nicht mehr zu berichten, die Sonne steht genau hinter dem Boot, das Licht blendet. An Fotografieren denke ich jetzt nicht mehr. Der Grosse Wannsee ist ruhig, der BVG-Dampfer nach Kladow schmeisst eine ordentliche Welle, ein paar Segelboote sind zu sehen. Trotzdem ist der Kurs gerade zum Nadelöhr zu halten, ich passiere also Schwanwerder an der schmalsten Stelle: unter der Brücke, die nur für Sportboote passierbar ist. Quirle lang und durch, kurzes Verschnaufen, Peilung auf Breite Horn und weiter. Das Display meines GPS-Gerätes kann ich im Gegenlicht nicht erkennen aber ein vor mir fahrender Vierer, besetzt mit Senioren stachelt meinen Ergeiz trotz müde werdender Muskelpartien an. Die fahren ganz schöne Kurven, weichen einem Berufsfahrer weit aus. Gelegenheit für mich auf dem geradesten Kurs ranzukommen. Vor Breite Horn machen die dann eine Pause - also vorbei, Zähne zusammengebissen, aufgerichtet und die Blätter durchs Wasser. Den bisschen Wellen, von den jetzt doch zahlreicher gewordenen Motorbooten, kann ich mit dem kurzen Boot besser ausreiten als der Vierer. Froh bin ich dann aber doch als sie zu ihrem Bootshaus im Stössensee nach Steuerbord abbiegen. Den letzten Kilometer lasse ich es dann ruhiger angehen. ARG

Eine schöne Rudertour endet dann mit dem üblichen Säubern des Bootes. 14 Uhr ist es immerhin geworden, um 8 Uhr 30 hatte ich abgelegt, 36 km schreibe ich ins Fahrtenbuch ein. Mal sehen was der Ruderwart daran wieder ändert.